Auf offenem Meer gibt es kein Versteck. Wer nicht abhauen kann, weil er das langsamere Schiff hat, der ist dran. So lautet seit Jahrhunderten die einfache Regel auf See. In den Gewässern vor der somalischen Küste ist das immer noch so, wo sich Piraten in kleinen Booten auf der Jagd nach dem Reichtum der industrialisierten Welt auf die Lauer legen. Der fährt in riesigen Stahlkolossen an ihrer Küste vorbei. Am 5. April dieses Jahres sollte es die Taipan erwischen.

Da befindet sie sich 530 Meilen von Somalia entfernt, es ist Ostermontag früh am Morgen. Kapitän Dirk Eggers bemerkt einen Fischkutter, der seinen Kurs ständig ändert und näher kommt. Plötzlich lösen sich zwei offene Kunststoffboote von dem Gefährt und preschen mit Außenbordern auf das deutsche Handelsschiff zu. Die See ist spiegelglatt, ideal für den Angriff der mit 22 Knoten über die Dünung fegenden "Speedboats". Es ist 7 Uhr 50. Die Taipan der Hamburger Komrowski-Reederei ist auf dem Weg von Dschibuti nach Mombasa und hat Container geladen. Eggers versucht, die Angreifer mit Signalraketen zu beeindrucken, doch die eröffnen das Feuer, sogar eine Panzergranate meint der Kapitän am Brückenhaus vorbeifliegen zu sehen. Als sie den Frachter um 8 Uhr 30 erreichen und entern, sieht es so aus, als machten sie leichte Beute. Von der Mannschaft kommt keine Gegenwehr mehr. Sie hat die Sache mit dem Versteck noch einmal überdacht.

Die Piraten sitzen in der Falle, sie wissen es nur noch nicht.

Wann sie es begriffen haben und ob sie je das Weltrechtsprinzip verstehen werden, das sie aus ihrer Welt gerissen und 6500 Kilometer weit entfernt in einen nüchternen deutschen Gerichtssaal geführt hat, ist ihren verschlossenen Gesichtern sieben Monate später nicht zu entnehmen. Über sie, die mutmaßlichen Piraten, richtet die Welt. So hat es schon Cicero gesehen, als er ihresgleichen als "gemeinsamen Feind aller Menschen" bezeichnete. Es war ein großes, mächtiges Feindbild. Die Wirklichkeit sieht weniger bedrohlich aus, als sie in Daunenjacken, weißen Hemden, Trainingsanzügen und Sweatern in den Saal 337 des Hamburger Landgerichts schlendert. Dort hat am Montag der Prozess gegen zehn Somalier begonnen, angeklagt wegen Angriffs auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraubs. Hagere Männer treten ein, mit einer Haut so dunkel, dass sie das Licht zu absorbieren scheint, in dem sie jetzt stehen.

Zum ersten Mal seit 400 Jahren findet an der Elbe wieder ein Piratenprozess statt. Die Pressebänke im Saal sind voll besetzt. Die Zuschauer auf den Sitzreihen dahinter, durch eine Glasscheibe vom Geschehen getrennt, rücken eng zusammen. Und jeder Angeklagte wird von zwei Verteidigern in schwarzer Robe in Empfang genommen, behutsam, als müsste selbst das nüchterne Ambiente erst erklärt werden.

Eine besondere Spannung liegt über der Eröffnung der Hauptverhandlung. Es gibt viele offene Fragen. Sie werden die auf Verkehrsdelikte spezialisierte Strafkammer an Grenzen bringen. Hier steht nicht eine kriminelle Vorstadtbande vor Gericht, die vor ihrem Raubzug wissen kann, wie bewaffnete Überfälle bestraft werden. Es sitzen Gesetzlose da, die es sich nicht ausgesucht haben, in einem Staat ohne Recht zu leben. Aber wie leben sie?

Normalerweise verbirgt sich die Antwort auf diese Frage in dünnen Floskeln, die in politischen Dossiers und Studien etwa des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit vom "failed state", vom gescheiterten Staat, berichten. Hier aber wird das oberflächliche Bild mit Fakten und Erfahrungen gefüllt. Schon die Frage nach den Personalien gerät zum Abenteuer. "Ich bin unter dem Baum geboren", sagt einer über sein Alter. Ein anderer weiß, dass er "in der Regenzeit vor 24 Jahren" zur Welt kam, in einem Ort, den keine Landkarte verzeichnet. Ihre Namen setzen sich aus den Namen ihrer Väter und Großväter zusammen, der Älteste datiert seine Geburt auf das Jahr 1962, der jüngste soll 1997 geboren worden sein, was ihn zu einem strafunmündigen Jugendlichen machen würde. Ausweispapiere gibt es nicht.

Tatsächlich ist vieles verdreht in diesem Prozess. So sind es diesmal nicht die Opfer, sondern die mutmaßlichen Täter, die eine Odyssee hinter sich haben.

Das Unheil für sie kündigt sich schon Minuten nach der Kaperung mit einem Brummen an. Am Himmel nähert sich ein Aufklärungsflugzeug der Deutschen Marine vom Typ Orion und beginnt, das Schiff zu umkreisen, während die Angreifer plündernd durch die Mannschaftsunterkünfte ziehen. Die Crew hat einen Notruf abgesetzt und sich in einen sogenannten Panic Room zurückgezogen, um nicht als Geisel genommen zu werden. In einer kleinen, mit Matratzen notdürftig gepolsterten Kammer tief im Inneren des Schiffsbauchs harrt sie der Dinge. Der Zugang ist mit einer Stahlplatte verschlossen, Nahrung und Trinken vorhanden. Als die Piraten oben auf der Brücke einen neuen Kurs steuern, unterbricht Kapitän Eggers die gesamte Energieversorgung, die Falle schnappt zu.

Im Komrowski-Hauptquartier ist man später beeindruckt von der Umsicht des 67-Jährigen. Er gilt als ausgesprochen erfahren und als ein Seemann, der für gewöhnlich viele Monate nicht an Land zurückkehrt. Bis heute hat er sich öffentlich nicht geäußert. An der Bordwand hatte er Stacheldraht befestigen lassen. Zwar hatte die Reederei dem Kapitän vor Antritt der Reise die Einrichtung eines Schutzraums nahegelegt, doch musste er selbst Fantasie entwickeln, wo dieser sich befinden und wie er ausgestattet sein sollte. Davonfahren konnte er seinen Häschern mit 17 Knoten Maximalgeschwindigkeit nicht, er reagierte schnell und so, dass seine eigenen Leute wussten, worauf es ankam. Sie mussten es unbedingt alle in den Fluchtraum schaffen.

Seit Jahren schon diskutieren Reeder, ob ein solcher Schritt sinnvoll ist. Mehrere Milliarden Euro soll die Piraterie am Horn von Afrika die Weltwirtschaft bereits gekostet haben. Und die Lösegeldforderungen steigen rapide an. Noch 2008 bezahlte die Beluga-Reederei aus Bremen 1,1 Millionen Dollar, um den Schwergutfrachter BBC Trinidad frei zu bekommen. Zwei Jahre später wird von Somalis das Zehnfache verlangt.