Vor zwei Monaten gab er sich noch unerschütterlich: Syrien habe größere Probleme als viele arabische Nachbarn, aber sei deutlich stabiler. Grund dafür sei die enge Bindung seiner Führung "an die Überzeugungen des Volkes". Wenn es einen Riss gebe zwischen offizieller Politik und den Interessen des Volkes, entstehe jenes Vakuum, das Unruhen erzeuge, dozierte Syriens Präsident Baschar al-Assad in einem langen Interview mit dem Wall Street Journal. Anders als die Präsidenten von Tunesien und Ägypten habe er vom ersten Tag im Amt an mit Reformen begonnen, verkündete er selbstgewiss.

Inzwischen möchte der gelernte Augenarzt seine vollmundige Prognose wohl lieber ungeschehen machen. Seit vier Wochen stehen auch in Syrien die Zeichen auf Sturm. Die Protestbewegung erfährt immer größeren Zulauf, ihre Forderungen werden immer radikaler. Verlangten die Demonstranten zunächst Reformen, Arbeitsplätze und bessere Gehälter, wollen sie mittlerweile den Sturz des Regimes. "Freiheit, Freiheit" heißen die Losungen in allen Teilen des Landes und "Assad, geh nach Hause".

Das zunehmend bedrängte Regime reagiert mit einer Mischung aus viel Härte und wenigen politischen Konzessionen. Wie zuvor Muammar al-Gadhafi, ließ der 45-jährige syrische Staatschef sofort auf die friedlichen Demonstranten schießen. Mehr als 220 Bürger verloren seither ihr Leben. Gleichzeitig versprach er in zwei Fernsehreden das Ende des seit 1963 geltenden Ausnahmezustands, den er am Donnerstag dann tatsächlich per Dekret aufhob .

In einem zweiten Dekret schaffte er den berüchtigten Sondergerichtshof ab, der tausende politische Gefangene zu langen Haftstrafen verurteilt hat. Ein drittes Dekret lässt ab sofort friedliche Demonstrationen zu, wie dies "die syrische Verfassung garantiert". Ungeachtet dessen schwärmten Assads Geheimagenten wieder aus und verhafteten erneut Regimekritiker. Weitere politische Reformen wie Pressefreiheit oder das Ende des Ein-Parteien-Systems versprach der Präsident zu prüfen, ohne sich festzulegen.

Die Menschen auf den Straßen und Plätzen aber bleiben skeptisch. Sie trauen dem angeblichen Gesinnungswandel von Assad nicht, halten seine Ankündigungen für taktische Manöver, um Zeit zu gewinnen. "Elf Jahre haben wir auf Reformen gewartet und nichts ist geschehen", sagte eine Demonstrantin, die Anfang der Woche an dem Protestcamp in Homs teilnahm, das die Polizei in der folgenden Nacht mit einem Kugelhagel beendete. Erneut starben acht Menschen. Homs ist seitdem hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt, auf den Straßen patrouillieren zivile Regierungsschläger mit gezückten Kalaschnikows, um die Menschen einzuschüchtern.

Elf Jahre ist Baschar al-Assad nun an der Macht und sieht sich dieser Tage der größten Krise seiner Herrschaft gegenüber. Am 10. Juli 2000 wurde der damals 34-Jährige mit 97,29 Prozent der Stimmen zum neuen Staatschef Syriens gekürt und eine Woche später vereidigt – die erste Vater-Sohn-Machtfolge in einer arabischen Republik. Vieles kam seither in Wirtschaft und Gesellschaft in Bewegung, nur eines änderte sich nicht: Syrien blieb auch weiterhin der härteste Polizeistaat der Region, so wie ihn Vater Hafiz Assad zuvor in dreißig Jahren Diktatur geschaffen hatte. Dieser hatte 1982 einen Aufstand der Muslimbruderschaft in Hama sogar mit Soldaten und Kampfflugzeugen niederschlagen lassen. 20.000 Menschen verloren ihr Leben – ein Massaker, das bis heute nicht vergessen ist.