Frage: Frau Lötzsch, ihr Fraktionschef Gregor Gysi hat in ihrer Partei die Führungsdebatte angefacht. Fehlt ihnen Oskar Lafontaine in der Bundespolitik ?

Gesine Lötzsch:Oskar Lafontaine ist überaus aktiv. Er war – ebenso wie Gregor Gysi – im Wahlkampf in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz äußerst präsent. Er ist Vorsitzender unserer Internationalen Kommission und immer als Ratgeber gefragt.

Frage: Trotzdem hat die Linke bei den Wahlen schlecht abgeschnitten . Sie haben von der "Sondersituation Fukushima" gesprochen. Hausgemachte Fehler gab es nicht?

Lötzsch: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind wir an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert, aber zuvor in Hamburg und Sachsen-Anhalt sind unsere früheren Ergebnisse bestätigt worden . Fukushima hat die Wahlergebnisse aller Parteien massiv beeinflusst. Klar ist: Wir sind in Teilen des Westens noch nicht so verankert, wie eine erfolgreiche Partei verankert sein muss. Die Menschen müssen die Linke im Alltag erleben und nicht nur im Wahlkampf.

Frage: Sie haben gesagt, Lafontaine habe für ihre Partei das Tor in den Westen aufgestoßen. Nun müsse es aufgehalten werden. Wieso gelingt das nicht so richtig?

Lötzsch: Wir müssen realistisch bleiben. Ein ganzer Landesverband wie Rheinland-Pfalz hat weniger Mitglieder als ein einziger Verband in einem Bezirk in Berlin. Dafür ist aber Rheinland-Pfalz 380 mal größer als zum Beispiel Lichtenberg.

Frage: Was ist dran an der Geschichte vom möglichen Lafontaine-Comeback?

Lötzsch: Wer die Gedanken von Lafontaine erfahren möchte, muss mit ihm selber sprechen.

Frage: Er lässt mitteilen, es gebe nichts Neues. Gysi hat von einer Notsituation gesprochen, in der Lafontaine zurückkehren könnte. Was wäre so eine Notsituation?

Lötzsch: Es ist nicht fair gegenüber Oskar Lafontaine, ihn wie ein passives Objekt zu behandeln. Gysi muss seinen Spieltrieb ein bisschen zügeln. Politik ist kein Spiel. Wir sollten respektieren, dass Parteitage über unsere Führung entschieden haben. Ansonsten wird nicht nur die Partei, sondern auch die Öffentlichkeit verunsichert.

Frage: Sind Sie, was ihre Arbeit als Parteivorsitzende angeht, zu wenig selbstkritisch?

Lötzsch: Selbstkritik ist notwendig. Was wenig hilft, ist pausenlos die Frage aufzuwerfen, ob die Sache mit der Doppelspitze eine gute Idee war. Das hat doch die Partei in einer Urabstimmung entschieden.

Frage: Es geht nicht nur um die Struktur, sondern auch um die personelle Besetzung der Führung. In Teilen der Basis gelten Sie und Ernst als Vorsitzende auf Abruf.

Lötzsch: Wir sind bis Frühjahr 2012 gewählt, das sollten alle akzeptieren. Ich bin viel an der Basis unterwegs. Und überzeugt: Kritik kommt von einzelnen Funktionären, und weniger von der Basis.