Frage: Herr Trittin, manche Umfragen sehen Ihre Partei im Bund über 25 Prozent – noch vor der SPD. Wann rufen die Grünen eine Kanzlerkandidatin, einen Kanzlerkandidaten oder die weiblich-männliche Kanzlerkandidaten-Doppelspitze aus?

Jürgen Trittin: Wir führen Debatten dann, wenn sie anstehen. Und diese Debatte steht jetzt nicht an. Ich erinnere mich an die FDP, die mal einen liberalen Kanzlerkandidaten Guido Westerwelle ausrief, der sich eine 18 unter die Schuhsohle pinselte. Das ging grandios schief.

Frage: Den Grünen würde so etwas nicht passieren?

Trittin: Unsere Wählerinnen und Wähler schätzen uns gerade wegen unserer Beharrlichkeit und Seriosität. Das soll auch so bleiben.

Frage: Wovon machen die Grünen ihre personelle Aufstellung für die Bundestagswahl 2013 und einen möglichen Anspruch auf die Führung der Bundesregierung abhängig?

Trittin: Jedenfalls nicht von Umfragen. Ausschlaggebend sind die nächsten Wahlergebnisse. Sie werden zeigen, ob solche Überlegungen überhaupt eine reale Grundlage haben. Sie werden auch Aufschluss darüber geben, wie sich angesichts der tiefen Krisen von Liberalen und Linken, der anhaltenden Schwäche der ehemaligen Volksparteien die Aussichten der Grünen auf eine Regierungsbeteiligung entwickeln.

Frage: Welche konkreten Wahlen meinen Sie?

Trittin: Ich rede von den Landtagswahlen in diesem Jahr in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin und danach in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen. Ihr Ausgang wird Auskunft geben über die realen Kräfteverhältnisse im Land. Die Grünen haben eine gute Chance, ihren gegenwärtigen Aufwärtstrend zu stabilisieren. FDP und Linke müssen sich unter Wahlkampfbedingungen erneuern, das wird schwer für sie. Und auch die Krise der Volksparteien wird nicht aufhören.

Frage: Apropos Berlin: Wer soll Renate Künast an der Spitze der Fraktion folgen, wenn sie im September zur Regierenden Bürgermeisterin von Berlin gewählt wird?

Trittin: Renate Künast hat gute Chancen, in Berlin Regierende Bürgermeisterin zu werden. In diesem Fall wird die Fraktion eine Nachfolgerin für den Fraktionsvorsitz wählen.

Frage: Das heißt, neben Ihnen wird weiter eine Frau als Co-Chefin die Fraktion führen? 

Trittin: Wir sind mit der Doppelspitze sehr gut gefahren. Wir haben den höchsten Frauenanteil in allen Fraktionen, im Bundestag und in den Landtagen, das ist eine wichtige Voraussetzung unseres Erfolges. Warum sollten wir das ändern?

Frage: Als Fraktionschefin könnten Sie ja niemanden von außen nehmen, als Kanzlerkandidaten schon. Wann haben Sie zuletzt mit Joschka Fischer telefoniert?

Trittin: Die Frage hatten wir schon.

Frage: Wollen Sie die SPD eigentlich dauerhaft überholen?

Trittin: Wir wollen mit unseren Themen in der Mitte der Gesellschaft hegemoniefähig werden. Das ist uns in manchen Bereichen schon gelungen, etwa in der Debatte über Energiepolitik. In der linken Mitte streiten wir mit der SPD darum, wer die Nase vorn hat, sowohl konzeptionell als auch bei Wahlen. Und in Berlin haben wir anders als in Mecklenburg-Vorpommern die Chance dazu.