Politik ist die Kunst des Machbaren, heißt es. Jeder Politiker würde das wohl sofort unterschreiben, ebenso die meisten Bürger. Jeder weiß zwar, dass nicht alle alles haben können, aber wenn es ernst wird, wünschen sich die Bürger, dass möglichst viele ihrer Interessen zu Lasten anderer durchgesetzt werden. So muss die Politik eine Auswahl treffen. Sie muss sich für etwas entscheiden und damit gleichzeitig gegen etwas anderes. So schmerzlich das ist, man nennt es Regieren. Das Mittel der Wahl ist in einer Demokratie die Mehrheitsentscheidung. Der Zielkonflikt ist damit allerdings nicht aufgelöst, sondern das Problem lediglich zur Freude einer Seite und zum Frust der anderen Seite entschieden worden.

Dieser Politikstil wird in der Bevölkerung offenbar immer weniger akzeptiert, vor allem wenn es um die Entscheidung für oder gegen große Projekte geht. Der unterlegende Teil der Bevölkerung will die Mehrheitsentscheidung nicht mehr akzeptieren. Er formiert sich als eine Bürgerwehr, die parteiübergreifend die Mehrheitsentscheidung zu Fall bringen will.

Es scheint sich im Volk eine Politik von ganz unten zu formieren, eine Art plebiszitäre Politik. Der Bürger glaubt nicht mehr an die gestaltende Kraft der Regierung, sondern eher an die von dezentralen kreativen Zirkeln, die von sozialen Beziehungen ausgeht. Diese dezentrale Volksintelligenz kennt offenbar den gesellschaftlichen Bedarf besser als die in Parteien organisierten Berufspolitiker. Sie glaubt, sie sei intelligenter und vor allem näher an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen und liefere Ergebnisse, die sozialverträglicher und auch wohlstandstauglicher für alle sind.

Das Problem: Da solche Bewegungen in der Regel unorganisiert zustande kommen, brauchen sie selbstverständlich einen Moderator oder eine Moderatorin. Das müssen nicht notwendigerweise Berufspolitiker sein. Es können auch rhethorisch begabte Fußballspieler, Jazz-Sänger oder Entertainer sein. So könnte sich im ungünstigsten Fall auch ein neuer Rattenfänger einschleichen.

Auf jeden Fall brauchen sie alle kein politisches Mandat zu haben. Sie müssen nicht einmal Verantwortung für ihre politischen Forderungen übernehmen. An dieser Stelle sollten sich alle Berufspolitiker fragen, ob sie mit dem neuen Politikstil des Moderierens statt Regierens nicht eine Tür aufmachen, die sie anschließend nicht mehr schließen können.