Die nasse Kälte, die bleibt unvergessen. Mit dem Rücken auf der feuchten Erde, die Schaufel fest gepackt und mit dem Fuß in das feuchte Erdreich stoßen. Nur so kann man der Wand Brocken um Brocken entreißen, weil der Gang nicht hoch genug ist, um im Hocken zu arbeiten. Dicht über dem Kopf die bloße Lehmerde, von der immer wieder Erdbrocken rieseln, in die Haare, ins Gesicht. Nicht nachlassen, immer wieder die Schaufel ansetzen, mit ganzer Kraft die stählerne Klinge in die lehmige Schicht stemmen, bis so viel Erdreich heraus gebrochen ist, um wieder einen Eimer zu füllen und nach hinten zu reichen. Einen Tunnel von Westen aus unter der Mauer buddeln und nach 150 Metern, weit hinter den Grenzanlagen wieder auftauchen – kein Plan war so verwegen wie dieser.

Und immer die Angst. Vor plötzlicher Entdeckung. Oder vor Einsturz des nicht abgestützten Tunnels. Diese bangen Momente, wenn das Erdreich vibriert, weil hoch oben wieder ein schwerer Doppeldeckerbus der Berliner Verkehrsbetriebe über das Kopfsteinpflaster der westlichen Seite der Bernauer Straße rumpelt. "Das vergisst man nie", sagt Klaus-Michael von Keussler, und er lächelt ein wenig schief dabei, als habe er sich zu entschuldigen. Vielleicht liegt es daran, dass der kleingewachsene und ziemlich kahlköpfige Mann den jungen Menschen kaum noch erklären kann, wie er sich auf eine so wahnwitzige Idee überhaupt einlassen konnte. Vor allem nicht hier oben in der Sonne, neben dem aus Strahlträgern stilisierten Grenzturm, um den eine Gruppe von Jugendlichen herumspringt, für die Todesstreifen, Stacheldraht und Schießbefehl unvorstellbar fern sind.

Wir waren unbekümmert, improvisierten spontan und gingen Risiken ein. Das ist mit heutiger Vernunftbetrachtung nicht zu vergleichen.
Klaus-Michael von Keussler, Fluchthelfer

"Wir haben Glück gehabt, dass alles gepasst hat", sagt der Anwalt Peter Schulenburg, Jahrgang 1939 wie von Keussler, aber mit vollem weißem Haar. Der grüne Rasen zu ihren Füßen irritiert; der wirkt, als wolle er etwas schöner machen, was doch Teil eines mörderischen Grenzregimes war. Der Rasen deckt zu, was das Leben von Keussler und Peter Schulenburg begleitet hat. Ihre Aktion hat sie auch mit der Frage nach Schuld beladen, fast 40 Jahre lang. "War dieses glückhafte Gelingen noch zu rechtfertigen angesichts des tragischen Todes des Grenzsoldaten?", das hat beide bewegt.

Damals nicht, aber jetzt kennt er klaustrophobische Gefühle, sagt von Keussler. Als er kürzlich in die enge Röhre eines Kernspintomographen geschoben wurde, da war das Tunnelgefühl wieder da. Der Tunnel, mit 60 Zentimeter Höhe – so hoch wie zwei DIN-A4-Blätter – gerade ausreichend, um darin kriechen zu können, zehn Meter tief unter der Erde, feucht und notdürftig beleuchtet durch 40 Watt Glühbirnen, das Ausstiegsloch mehr als 100 Meter entfernt. "Ja, wir waren unbekümmert, improvisierten spontan und gingen Risiken ein", sagt von Keussler, wie sein Freund damals 23 Jahre alt, und fügt hinzu: "Die damalige Stimmung ist mit heutiger Vernunftbetrachtung nicht zu vergleichen." Wenn sie alle Risiken abgewogen hätten, wäre nichts passiert.

Aber genau das wollten sie eben nicht, dass nichts passiert. Einige wollen Familienangehörige oder Freunde in die Freiheit holen, einige waren zuvor selbst geflohen, als die Mauer noch durchlässiger und der Todesstreifen noch nicht perfektioniert war. Andere wie der spätere Anwalt Peter Schulenburg, der keine DDR-Verwandtschaft hatte, taten mit, weil sie was "gegen die Mauer" machen wollten, so einfach sei es damals gewesen. Am Ende wurden daraus eineinhalb Jahre Buddelei für die beiden Studenten – und für Schulenburg folgte eine einjährige Haft im DDR-Gefängnis, weil er danach als Kurier aufflog.

Im Hinterhof der sanierten Strelitzer Straße 55 im früheren Ost-Berlin stehen Mülltonnen akkurat neben Hecken, wo einst der Schuppen stand, in dem der Tunnel endete. Der "Tunnel 57", so genannt, weil er 57 Menschen im Oktober 1964 in die Freiheit brachte; die erfolgreichste unterirdische Fluchtaktion. Und der Kohlenplatz, der Ort ihrer größten Enttäuschung ist überbaut worden von einem Neubau. Nur wer es weiß, sieht im Pflaster der Rheinsberger Straße, mitten auf der Fahrbahn, die mit Asphalt zugeschmierten Löcher, wo bis 1989 der erste Grenzzaun stand, direkt gegenüber von Nummer 55. Mehrfach haben sie dort an der Haustür gestanden, wenige Meter entfernt von den Vopos, die im direkten Grenzgebiet auf jeden achteten, der hier nicht wohnte. "Da flatterten mir immer die Hosen", erzählt von Keussler. Bloß nicht entdeckt werden. Aber ohne die Besuche in Ost-Berlin ging es nicht. Immer wieder machten sie Kurierfahrten, spähten das Gelände aus, knüpften Kontakte zu fluchtwilligen Ost-Berlinern oder suchten nach Anzeichen, dass die Grenzer ihnen auf die Spur gekommen waren.