Brennende Kirchen in Nigeria, schwere Anschläge im Irak – der Ausklang des Jahres wird von Gewalt überschattet, wie so oft in der Vergangenheit. In den Jahren zuvor eskalierten Konflikte in Indien, Kaschmir, Pakistan und dem Jemen; Kirchen brannten in Indonesien und dem Sudan.

Oft wird der Eindruck erweckt, als seien die Religionen die Ursache des Blutvergießens, in Wahrheit aber brennen die Kirchen in Nigeria nicht, weil sich die Menschen dort um theologische Fragen streiten. Hintergrund ist ein langer Machtkampf zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden um Einfluss und Ressourcen.

Ebenso wenig geht es im Irak um die sunnitische oder schiitische Auslegung des Koran, sondern um Herrschaftsansprüche – und um die bis heute fortwirkenden Rachewünsche wegen der jahrzehntelangen Unterdrückung der schiitischen Mehrheit durch die sunnitische Minderheit.

Die Triebkräfte der Gewalt sind meist ein komplizierter Mix aus dem Streben nach sozialer Emanzipation, ökonomischer Teilhabe und Rache für erlittenes Unrecht. Nigeria und Irak liegen ebenso wie die anderen Konfliktregionen an den Grenzlinien, wo verschiedene Religionsgruppen über Jahrhunderte Krieg führten. In solchen Gegenden hat die Konfession mehr Bedeutung für die Identität der eigenen Gruppe und die Abgrenzung von "den anderen".

Diktaturen können solche Antagonismen mit ihren Machtmitteln und einer einigenden Ideologie für eine gewisse Zeit unterdrücken. Sie können sie aber nicht auf Dauer überwinden. Das haben die Beispiele der Sowjetunion und Jugoslawiens unter Tito gezeigt. Auch dort waren die religiösen Konflikte – auf dem Balkan zwischen katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken, im Kaukasus zwischen Orthodoxen und Muslimen – zugleich ethnische, soziale und ökonomische Rivalitäten. Als die alte Macht wankte, brachen sie neu auf.

Der Irak ist wie viele Staaten im Mittleren Osten ein künstliches Gebilde. Die früheren Kolonialmächte haben die Grenzen willkürlich gezogen, ohne viel Rücksicht auf die Siedlungsgrenzen religiöser oder ethnischer Gruppen zu nehmen. Was den Gesellschaften an natürlichem Zusammenhalt fehlte, versuchten autoritäre Herrscher nach der Unabhängigkeit durch Nationalismus zu ersetzen – und notfalls mit Gewalt durchzusetzen.

Die Kräfte, die jetzt im Irak wirken, sind älter als Invasion, Besatzungszeit und Abzug der Amerikaner. Sie sind auch älter als Saddams Herrschaft. Sie können zum Bürgerkrieg und zum Zerfall des Landes führen. Es muss aber nicht so kommen, gerade weil die Iraker 2004 bis 2007 erlebt haben, wie nahe sie an der Katastrophe waren. Damals haben die Amerikaner sie – nach vielen Anfangsfehlern – durch eine Truppenverstärkung davor bewahrt.

Nun müssen Iraks Spitzenpolitiker die zerstörerischen Kräfte selbst zähmen. Die US-Truppen, die bis vor Kurzem eine zerbrechliche Stabilisierung bewacht hatten, werden nicht wieder zurückkehren. Das Schicksal des Irak hängt nun am Einigungswillen von Schiiten und Sunniten.

Erschienen im Tagesspiegel