Nordafrika wird islamistisch

Der islamische Halbkreis um das Mittelmeer schließt sich: Dort, wo gewählt wird, kommen ein Jahr nach Beginn des arabischen Frühlings fast überall islamistische Parteien an die Macht . Im Norden Afrikas und am nahöstlichen Mittelmeer verändert sich die politische Landschaft im Schnelldurchlauf. Im Gegensatz zur arabischen Halbinsel herrschten hier bis zum Beginn der Revolten 2011 säkulare Autokratien. Doch nun sind die alten Herrscher weg, und das Volk darf frei wählen – und siehe da, es wählt religiöse Parteien.

Vorbild für viele der islamistischen Gruppierungen in den arabischen Ländern ist die AKP in der eigentlich säkularen Türkei: Religiosität, Nationalismus und ein offen geförderter Kapitalismus sind deren Erfolgsrezept. Es hat der Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan nicht nur sichere Mehrheiten, sondern dem Land auch wirtschaftliche Blüte beschert.

In Nordafrika und Nahost möchten die Islamisten dem nun nacheifern. Was nicht bedeuten muss, dass nun überall die Scharia eingeführt, Alkohol verboten und Frauen der Schleier aufgezwungen wird. Aber liberale Gruppen, die den revolutionären Aufbruch im abgelaufenen Jahr wesentlich mitgetragen haben, geraten in den Hintergrund. Hoffnungen mancher im Westen, dass im nördlichen Afrika nun Demokratien nach westlichem Vorbild entstehen, erfüllen sich jedenfalls vorerst nicht.

(Steffen Richter)