Die Piraten haben vielleicht ein Nazi-Problem. Aber es ist überschaubar – und die Partei geht gut damit um. Ja, es gab rassistische Äußerungen von einzelnen Mitgliedern, die eine demokratische und tolerante Partei nicht tolerieren kann. Und, das kann man ruhig festhalten, die Piraten haben sie auch nicht toleriert. Ihre Führungspolitiker haben die Wirrköpfe in ihren Reihen schnell und scharf kritisiert. Und auf ihrem Parteitag in Neumünster hat die Partei an diesem Wochenende eine entsprechende Resolution verabschiedet . Sie wurde einstimmig und mit stehenden Ovationen angenommen.

Der zweite zentrale Vorwurf, der gegen die Piraten oft erhoben wird, ist der der mangelnden Professionalität. Chaotisch und infantil seien diese neuen Pseudo-Politiker, schimpfen Konkurrenz und Medien gern. Und tatsächlich war das Chaos auch in Neumünster ein fester Bestandteil. Wie schon auf früheren Parteitagen mussten mehrere Wahlgänge wegen irgendwelcher Formfehler wiederholt werden. Mal hatten die Wahlhelfer den formalen Startschuss nicht abgewartet, mal kippte irgendwo eine Wahlurne um. Das nervt natürlich und kostet Zeit.

Aber dennoch – viele Berichterstatter, die zum ersten Mal kamen, waren verblüfft – traten die Piraten in Neumünster ungemein diszipliniert auf. Schnell und zielstrebig wurde das Programm durchgezogen. Diskutiert wurde parallel online, was offline nicht weiter störte. Mitglieder, die am Saalmikrofon noch einmal etwas grundsätzlich diskutieren wollten, wurden oft rüde in die Schranken gewiesen. Der Schwarm, auch das zeigte Neumünster, kann ganz schön streng sein.

Piraten setzen auf Kontinuität und Solidität

Die Ergebnisse der Abstimmungen zeugten ebenfalls von einer gewissen Bereitschaft zur Realpolitik. Die Trennung von Amt und Mandat, die einige Fundis anstreben, wurde abgelehnt. Auch wurde der Vorstand aufgestockt, was viele Realos gefordert hatten. Allerdings fiel die Forderung durch, einen Beirat zu schaffen, der den Vorstand entlastet. Ebenso der ähnlich motivierte Vorstoß, die Amtsdauer der Parteiführung um ein Jahr zu verlängern. All zu mächtig soll der Vorstand auch künftig nicht werden.

In ihren Personalentscheidungen setzten die Piraten ebenfalls auf Kontinuität und Solidität. Sie straften zwar den bisherigen Parteichef Sebastian Nerz ab und wählten statt ihm den bisherigen Partei-Vize, Bernd Schlömer . Aber auch Schlömer hat ein ähnlich zurückhaltendes Amtsverständnis wie Nerz. Er wird die Piraten dennoch künftig souveräner vertreten als sein 28-jähriger Vorgänger, der oft überfordert wirkte.

Die Probleme, die den Parteien zu schaffen machen und die eine gewisse Sprengkraft bergen, sind andere. Zunächst zu den atmosphärischen Dissonanzen: In Neumünster ging es keineswegs so lustig und heiter zu, wie es die Fotos von Playmobilschiffen und Augenklappen suggerieren. Untereinander ist der Ton der Piraten wenig höflich, sondern oft gereizt und ruppig.