ZEIT ONLINE: Herr Zhadan, in Ihrem Land gibt es einen großen Streit über zwei Sprachen, was unterscheidet Russisch von Ukrainisch?

Serhij Zhadan: Es sind zwei verschiedene Sprachen, wie Deutsch und Holländisch. In der Ukraine verstehen alle Leute Russisch, weil wir es seit unserer Kindheit überall hören – im Fernseher, Radio, in den Zeitungen. Aber in Russland verstehen nur ganz wenige Leute Ukrainisch.

ZEIT ONLINE: Allein deswegen haben sich ukrainische Politiker, unter anderem Vitali Klitschko, doch nicht vor dem Parlament geprügelt ?

Zhadan: Es geht nicht nur um die Sprachen. Wir sind mitten in einer handfesten politischen Debatte. Für die eine Hälfte der Ukraine, mehrheitlich jüngere Menschen, ist die Sprache gar nicht so wichtig. Sie sprechen sowieso beide Sprachen, einige dazu noch Englisch, sie sind der EU und dem Westen zugewandt. Ihr Hauptproblem ist die aktuelle ukrainische Regierung. Weil unsere Politiker durchweg enttäuschen, fehlt ihnen die Perspektive.

ZEIT ONLINE: Die andere Hälfte?

Zhadan: Für den anderen Teil der Menschen, genau die Leute, die die Partei des Präsidenten Viktor Janukowitsch im Oktober wiederwählen sollen, ist die russische Sprache ein poststalinistisches Symbol. Mein Land ist nicht in Ost und West oder Nord und Süd, sondern in Contra-Janukowitsch und Pro-Sowjetunion geteilt. Die Sprachdebatte soll diesen Streit befeuern.

ZEIT ONLINE: Vor einigen Tagen hat Janukowitsch nun ein Gesetz unterzeichnet, das in russischsprachigen Regionen Russisch neben Ukrainisch zur Amtssprache macht.

Zhadan: Seit Janukowitsch dieses Gesetz vor einigen Wochen angekündigt hat, sind die Leute auf die Straße gegangen. Es gab viele Demos für Ukrainisch als alleinige Amtssprache. Dabei gibt es diesen Sprachstreit seit 20 Jahren. Immer wenn er politisch instrumentalisiert werden kann, wird er angeheizt, jetzt durch dieses neue Gesetz. Janukowitsch hofft, durch den Streit seine Anhänger, den prosowjetischen Teil der Menschen, für die Wahl mobilisieren zu können.

ZEIT ONLINE: Wird es helfen? 2010 sicherte sich Janukjowitsch noch knapp 40 Prozent der Stimmen. Jetzt soll seine "Partei der Regionen" laut Umfragen nur etwa bei 20 Prozent liegen.

Zhadan: Ich kenne keine Umfragen, aber ich weiß, dass so viele Menschen in der Ukraine desinteressiert an der Wahl und den Politikern sind. Janukowitschs Partei wird von vielen nur belächelt. Aber es gibt keine gute Alternative. Wir haben ein großes Problem mit unserer Opposition. Sie funktioniert nicht, weil sie von Leuten vertreten wird, die ebenfalls nicht sehr beliebt sind. Die Leute erwarten, dass vor der Wahl ein "Messias" erscheint, der alle Probleme lösen wird. 2004 bei der Orangenen Revolution war das Victor Juschenko zusammen mit Julija Timoschenko . In der Ukraine gibt es nun keinen "Messias" mehr.

ZEIT ONLINE: In ukrainischen Städten hängen wieder Wahl-Plakate mit Julija Timoschenko. Obwohl sie weiterhin im Gefängnis sitzt, jetzt sogar wegen Beihilfe zum Mord angeklagt wird, hat die vereinigte Opposition sie zur Wahl aufgestellt.

Zhadan: Julija Timoschenko darf natürlich nicht zur Wahl antreten, ihre Nominierung war nur ein symbolischer Akt. Was ich nicht verstehe: Wieso stellt die Opposition tatsächlich ihre Tante auf? Ich kenne sie nicht, weiß nicht, weshalb ich die Tante von Julija Timoschenko wählen sollte, sie wird mir aber auf der Wahlliste der Opposition ernsthaft angeboten.

ZEIT ONLINE: Über Julija Timoschenko wurde vor und während der Fußball-EM 2012 auch in Deutschland viel diskutiert. Ist sie eine politische Gefangene der Regierung Janukowitsch oder eine Straftäterin, die zu Recht im Gefängnis sitzt?

Zhadan: Das ist schwer zu sagen. Wären wir in einer anderen Situation mit einer glaubwürdigen Regierung und einem fairen Präsidenten, könnte ich Ihnen darauf keine Antwort geben. Aber Janukowitschs Handeln kann man nur als politischen Prozess gegen Timoschenko deuten. Sie war eine wichtige Politikerin für dieses Land, noch bei den vergangenen Wahlen hat sie acht oder neun Millionen Wähler überzeugt. Doch inzwischen halten sehr viele Ukrainer sie für eine schlechte Person, die selbst an Korruption beteiligt war.

ZEIT ONLINE: Während der EM boykottierten viele westeuropäische Politiker die Fußballspiele in der Ukraine. Hat der Protest irgendetwas verändert?