Knatternder Veteranen-Protest

Knatternd hält das schwere Motorrad vor dem Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin. Robert Sedlatzek-Müller steigt von der schweren Maschine und nimmt seinen Stahlhelm ab, den er als Soldat der Bundeswehr jahrelang getragen hat. In der sonst so ruhigen Hildebrandstraße, an der Botschaften und politische Stiftungen liegen, wird es plötzlich laut. Was auf dem ersten Blick nach einem Rockertreffen aussieht, ist eine politische Demonstration.

Mit fast 100 Bikern war Sedlatzek-Müller am Wochenende durch die Hauptstadt gefahren, eine Parade mit Polizeieskorte, die am Verteidigungsministerium endete. Auf seinen Ärmeln trägt er Abzeichen von Kfor und Isaf – den internationalen Militärmissionen in Afghanistan und Kosovo, an denen der Fallschirmjäger teilgenommen hat. Ein V mit Ehrenkranz darum prangt auf Sedlatzek-Müllers grüner Militärjacke. Das V steht für Veteran. "Berlin kann nicht mehr wegsehen", sagt er. "Wir Veteranen sind da, wir müssen wahrgenommen werden."

Die Recondo Vets MBC, ein Bikerklub für Mitglieder deutscher Sicherheitskräfte, und der Bund Deutscher Veteranen haben die Aktion organisiert. Sie wollen mit ihrem "Memorial Run" an Soldaten erinnern, die im Einsatz gestorben sind, und Öffentlichkeit herstellen für den Umgang mit Veteranen. Aus den Niederlanden, Schweden und Dänemark sind motorradfahrende Veteranen gekommen, um die Deutschen zu unterstützen. Sie müssen sich wundern: Paraden von und für Veteranen und offizielles Gedenken sind in den Nachbarländern der Bundesrepublik normal, ebenso Abzeichen und Ehrungen.

Nach zwei verschuldeten und verlorenen Weltkriegen bleibt das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Armee hingegen schwierig. Manche Soldaten ziehen ihre Uniformen vor Heimfahrten lieber aus, weil sie keine Lust haben, in der Bahn angepöbelt zu werden. Seit die Bundeswehr eine Berufsarmee ist, hat sie Probleme bei der Rekrutierung geeigneten Nachwuchses. Eine oft misslungene Außendarstellung trägt dazu bei, aber auch das teilweise schlechte Ansehen der Truppe.

Der Wunsch nach Wertschätzung

Um den Dienst in der Bundeswehr attraktiver zu machen, hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière unter anderem den Werbeslogan  "Wir. Dienen. Deutschland" ausgegeben. Soldaten sollen selbstbewusst von ihrer Leistung reden und sich zeigen. Der Minister versucht auch seit Monaten, eine Debatte über den Umgang mit Veteranen voranzubringen. Im vergangenen Jahr regte er an, ehemalige Soldaten an einem besonderen Tag zu ehren. Erst sollte der Veteranentag am Volkstrauertag stattfinden, dann schlug de Maizière das Gründungsdatum der Bundeswehr vor, den 22. Mai. Von der Opposition und auch aus der Union erhielt er wenig Beifall für seine Pläne. Inzwischen formuliert er vorsichtiger: "Ich denke inzwischen mehr daran, dass wir am Nationalfeiertag einen Akzent für die Veteranen setzen und nicht einen eigenen Tag einführen."

Wer überhaupt Veteran genannt werden kann, wird in der Bundeswehr seit Längerem diskutiert. Anfang des Jahres legte de Maizière eine Definition vor: Danach ist Veteran, wer ehrenhaft aus der Bundeswehr ausgeschieden ist und "als Angehöriger der Bundeswehr im Ausland an mindestens einem Einsatz oder einer besonderen humanitären, friedenserhaltenden oder friedensschaffenden Maßnahme teilgenommen hat".

Doch aktive und ehemalige Soldaten sind weiterhin verunsichert, denn der Minister sendet ganz unterschiedliche Signale. In einem Interview etwa kritisierte er Bundeswehrangehörige: "Sie haben den verständlichen, aber oft übertriebenen Wunsch nach Wertschätzung. Sie sind vielleicht geradezu süchtig danach." Wie das mit einem Ehrentag für ehemalige Soldaten zusammenpasst, dazu hörte man von de Maizière nichts. Aus dem Wahlkampf will der CDU-Spitzenpolitiker die Debatte um den Umgang mit Veteranen heraushalten.

Traumatisierte und verletzte Soldaten im Streit mit der Bundeswehr

Ob es zeitgemäß ist und zur deutschen Geschichte passt, dass Soldaten besonders geehrt werden, ist auch unter Fachpolitikern umstritten. Was ist mit ehemaligen Polizisten, die ebenfalls ihr Leben im Dienst für den Staat riskieren? Oder staatlichen Entwicklungshelfern, die auch in Konfliktgebieten im Einsatz sind, in denen keine deutschen Soldaten stationiert sind? Zu Ende ist diese Diskussion noch lange nicht.

Manchen ehemaligen Soldaten geht das alles nicht schnell genug. Sie ärgern sich über das Verhalten der Politiker, des Ministers und prangern an, wie die Bundeswehr mit den Veteranen umgeht. Auch der Veranstalter der Motorrad-Demonstration klagt über die mangelnde Anteilnahme aus Gesellschaft wie Politik. Einige Teilnehmer der Biker-Parade sind in Auslandseinsätzen verwundet worden, nicht wenige kehrten traumatisiert heim.

Robert Sedlatzek-Müller leidet ebenfalls an einer Posttraumatischen Belastungsstörung – kurz PTBS. Er überlebte in Afghanistan die Explosion einer Rakete nur knapp. Nach jahrelangem juristischen Streit mit der Bundeswehr stellte die Truppe ihn im vergangenen Jahr wieder als Soldaten ein, damit er eine Therapie machen kann. Aber noch immer führt er einen Rechtsstreit mit den Versorgungsbehörden der Bundeswehr. Wie viele andere traumatisierte und verletzte Soldaten kämpft er um den Grad seiner Wehrdienstbeschädigung. Immer wieder muss sich Sedlatzek-Müller begutachten lassen. Er und andere haben den Eindruck, dass Ministerium verstecke sich hinter Paragrafen.

Lange haben viele ehemalige Soldaten für sich allein gekämpft. Im August 2010 schlossen sich aktive und frühere Bundeswehrangehörige zum Bund Deutscher Veteranen zusammen, der ihren Stimmen mehr Gewicht gibt. Auf der Gedenkfahrt stellte die Organisation ein Logo für Veteranen vor – Sedlatzek-Müller und andere tragen es auf ihrer Kleidung. Das Verteidigungsministerium dürfte über diesen Vorstoß nicht begeistert sein. Offizielle Vertreter kamen nicht zum Veteranentreffen am Ehrenmal. Lediglich zwei Feldjäger tauchten eher zufällig auf, Militärpolizisten, die das Ministerium bewachen und einen Kontrollgang machten.