Le Figaro aus Paris wirft dem abgesetzten Präsidenten Mursi eine "Demokratie-Parodie" vor. "Kaum war er mit 51,7 Prozent der Stimmen an die Macht gekommen, hat Mursi eine Demokratie-Parodie präsidiert. Ohne die wirtschaftlichen Probleme zu lösen, ohne die Interessen des Landes zu beachten, hat er das Gesetz seiner eigenen Bewegung auferlegt. Das Wahlrecht war für seine Anhänger nur eine Art, die Diktatur der größten Zahl walten zu lassen. (...) Die Armee, die sich mit Mursi arrangiert hatte, hat ihn schließlich fallengelassen. Die Angelegenheit ist heikel: Der Anschein eines Putsches muss vermieden werden, damit die US-Hilfe nicht gefährdet wird. Auch muss vermieden werden, dass die Islamisten sich als Opfer eines Staatsstreichs gegen eine Demokratie präsentieren, die sie nie haben funktionieren lassen – und es auch gar nicht wollten."

Die größte französische Zeitung, Ouest-France aus Rennes, fragt sich, ob es sich bei dem Pusch um eine Revolution oder eine Gegenrevolution handelt: "Seit einigen Tagen war es der einzig absehbare Ausweg. Unter dem Druck der Straße. Unter dem Gewicht des wirtschaftlichen und politischen Scheiterns. Mohammed Mursi, der erste zivile, demokratisch gewählte Präsident des modernen Ägyptens , ist gestürzt worden. Die Armee hat die Zügel in der Hand, geführt von General (Abdel Fattah) al-Sisi, dem Armeechef und Verteidigungsminister. Seit Sonntag rief die Menge auf dem Tahrir-Platz seinen Namen. Angesichts der wachsenden Gefahr eines Bürgerkriegs war die Mehrheit für ein Eingreifen der Armee. (...) In Kairo ist es die Armee, die derzeit auf die Straße hört, und dabei ihre hochdominante Position über Wirtschaft, Sicherheit und Politik in Ägypten beibehält. Ist es eine permanente Revolution oder die Gegenrevolution?"

Die New York Times nennt den Machtwechsel einen Putsch: "Trotz seiner Fehler, und es gab viele, war Präsident Mohammed Mursi Ägyptens erster demokratische gewählter Präsident und sein Sturz durch die Militärs war fraglos ein Putsch. Es wäre tragisch, wenn die Ägypter es zuließen, dass die Revolution von 2011, die den Diktator Hosni Mubarak zu Fall brachte, enden würde mit dieser Absage an die Demokratie."

Die Frankfurter Allgemeine kritisiert das Militär: "Ein Militärputsch hat die Staatskrise in Ägypten vorerst beendet. Ohne den in fairen und freien Wahlen an die Macht gelangten Mursi mit nur einem Wort zu erwähnen, setzte Armeechef Sisi den legitimen Staatschef des Landes am Mittwochabend einfach ab. Doch die Begeisterung, mit der Liberale und Linke das Eingreifen der Armee in den Konflikt begrüßen, stimmt bedenklich. Vor nicht einmal einem Jahr feierten die Oppositionellen noch das Ende der Militärherrschaft. Nun sollen die Generäle es plötzlich wieder richten – wenn auch im Hintergrund. Das Abschalten islamistischer Fernsehsender in den Stunden nach Sisis kaltem Staatsstreich zeigt, was die Führung der Streitkräfte wirklich von Medien- und Meinungsfreiheit hält: wenig.

Die Süddeutsche Zeitung wiederum geißelt die Muslimbrüder: "Jahrzehnte der Verfolgung und der Isolation in Wüstengefängnissen hatten die Muslimbrüder noch geheimniskrämerischer, starrer, hierarchischer gemacht als ohnehin, sie waren unfähig zum Kompromiss und damit zur Demokratie. Ihren Wahlsieg begriffen sie als Freifahrtschein, nicht als Verpflichtung. Einmal im Amt, sollte der Präsident uneingeschränkt herrschen – wie ein Kalif oder der Anführer einer Karawane. Das war mit dem wankelmütigen Wahlvolk nicht zu machen. Die schwer zu verstehende Sturheit, mit der Mursi und die Führer der Muslimbrüder bis zur letzten Sekunde auf der Legitimität des Amtes bestanden und noch über einen Dialog redeten, als die Panzer schon durch Kairo rollten, erklärt sich nicht nur aus Machtgier, sondern auch aus den Erfahrungen im Untergrund. Ähnlich wie in Algerien in den Neunzigern oder wie im Gaza-Streifen nach dem Wahlsieg der Hamas sehen die Islamisten ihren legitimen Erfolg bedroht."

Das Luxemburger Wort befürchtet, dass der Frieden in Ägypten nicht von Dauer ist: "Das Kräftemessen in Ägypten hat sich von langer Hand angekündigt: Jetzt ist die Machtprobe da. Explosiv wird die Lage dadurch, dass sich heute zwei annähernd gleich große Lager gegenüber stehen: das eine säkular, das andere islamistisch. (...) Nun ist eine dritte Kraft ins Spiel gekommen: die Armee. Sie sieht sich in dieser Staatskrise als Wahrer der staatlichen Einheit und zum Schiedsrichter berufen. Möglicherweise kann sie im Nilstaat einen Burgfrieden zwischen beiden Lagern erzwingen, doch dieser dürfte kaum von Dauer sein."