Als das Urteil gegen Alexej Nawalny gesprochen war, als wieder einmal deutlich wurde, wie der Putin-Staat mit seinen Kritikern umgeht, da blieb Alexej Nawalny ungewöhnlich ungerührt. Ja, er machte sich sogar lustig über das Schauspiel, das sich ihm und der Öffentlichkeit da gerade bot. "Versuche alle, die in unser Reihe stehen, zu überreden, eine La-Ola-Welle zu machen wie im Stadion. Klappt bisher nicht", twitterte der Oppositionelle vergnügt.

Besser hätte Nawalny nicht deutlich machen können, was ohnehin schon die meisten wussten: In diesem Kirower Gerichtssaal ging es nicht um juristische Fragen. Die Entscheidung war eine politische und sie war vor diesem Donnerstag gefallen. Die verbleibende Währung in diesem Gerichtssaal lautete Aufmerksamkeit. "Schrecklich, mein Akku ist gleich leer", twitterte Nawalny.

Nawalnys unorthodoxe Öffentlichkeitsarbeit ist nicht das einzige Bemerkenswerte dieses Prozesses. Es zeigte sich auch, dass der Umgang Russlands mit der Opposition vielschichtig ist. Nur einen Tag vor dem Urteil ließen die Moskauer Behörden Nawalny als Bürgermeisterkandidat zu. Zuvor hatte sogar sein künftiger Gegner, der Putin-Mann und jetzige Bürgermeister Sergej Sobjanin, verlangt, Nawalny müsse antreten dürfen. Nun ließ das Gericht Nawalny sofort direkt nach der Bekanntgabe des Strafmaßes in Haft nehmen.

Paradox sei das nicht, sagt der Politikwissenschaftler Alexandr Kynew. Vielmehr zeige es, dass sich in der russischen Politelite zwei Strategien einander ergänzen. Hier die autoritären Oppositionsbekämpfer, dort vorgebliche Liberale, die den Anschein eines demokratischen Russland wahren wollen.

Absurdität eines Kafka-Romans

Bis das Urteil rechtskräftig ist – frühestens nach einer Revision in einigen Monaten – hätte Nawalny weiterhin als Moskauer Bürgermeister bei den Wahlen am 8. September antreten können. Kurz nach dem Urteil aber twitterte Nawalnys Wahlkampfleiter Leonid Wolkow, eine Kandidatur mache keinen Sinn mehr. Nawalny selbst hat sich noch nicht geäußert. Doch egal, ob er noch kandidiert: Sollte das Urteil bestätigt werden, verliert er nach neuester Kreml-Gesetzgebung für immer das Recht auf politische Betätigung. Der Kreml hatte das Gesetz 2012 auch verabschiedet, um inhaftierte Oppositionelle wie Michail Chodorkowski nach ihrer Haftstrafe von der Politik fernzuhalten.

Der breiten Bevölkerung sei bewusst, dass das Verfahren die Absurdität eines Kafka-Romans angenommen habe, sagt Kynew. Der Moskauer Politikwissenschaftler Pawel Salin glaubt, dass der Kreml mit dem Nawalny-Urteil sein Ziel erreicht hat. "Vor zwei Jahren wusste kaum jemand, wer Nawalny ist", sagt Salin. "Seitdem ist er zehnmal so bekannt, doch das Bild von ihm ist negativ." Staatliche Medien würden ihn als selbstproklamierten Kämpfer gegen die Korruption darstellen, der selbst korrupt sei. "Im Unterschied zu Michail Chodorkowski konnte und wollte Nawalny nie ein Märtyrer sein." Seine Anhänger würden ihn schnell vergessen.

Nawalny sieht das offenbar anders. Sein letzter Tweet aus dem Gerichtssaal lautete: "OK, jetzt müsst ihr ohne mich auskommen. Aber vor allem: Bleibt nicht untätig, die Kröte kommt nicht von allein vom öligen Rohr herunter." Am Donnerstagabend wollen die Unterstützer Nawalnys in Moskau und anderen Städten demonstrieren. Man wird dann sehen können, ob seine Botschaft ankam.

Mitarbeit: Christian Bangel