Sie kommen, kurz bevor die Dämmerung anbricht. Lachend betreten Eman al-Mahdy und ihr Begleiter Mohammed Heikal ein Café in Shubra, einem der größten Bezirke Kairos. Die beiden jungen Anführer der Gruppe Tamarud (Rebellion), jener Bewegung, die durch ihre Dauerproteste den Sturz von Präsident Mohammed Mursi herbeigeführt hat, wirken gelöst. "Jetzt ist der Weg frei für eine Demokratie", sagt al-Mahdy. "Bald wird es Ägypten besser gehen. Unser Vorgehen ist bisher ein voller Erfolg."

Draußen rennen Kinder mit Wasserpistolen über die Straße, Händler wedeln den Passanten Sträuße mit Minzblättern entgegen, ein paar Mädchen stehen kichernd an der Bushaltestelle. In Shubra scheint der Schrecken der vergangenen Tage auf den ersten Blick weit weg zu sein. "Die Islamisten haben alle Angebote der Übergangsregierung ausgeschlagen", sagt al-Mahdy. "Das sind alles Terroristen." Die 28-Jährige zupft an ihrem Kopftuch und senkt die Stimme. "Es gab keine andere Wahl. Die Lager mussten weg."

Mehr als 600 Tote und über 4.000 Verletzte: Die Räumung der beiden Kairoer Protestlager, in denen die Anhänger des vom Militär entmachteten Präsidenten Mursi seit Wochen für dessen Wiedereinsetzung demonstrierten, hatte zu den schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit dem Beginn des Arabischen Frühlings geführt. Fast stündlich wurden neue Opferzahlen veröffentlicht. Im ganzen Land herrschen bürgerkriegsartige Zustände: Beobachter berichten von Massakern an den Protestlern seitens der Armee, von willkürlichen Verhaftungen und Folterungen. Ausländische Journalisten sprechen von gezielten Schüssen der Soldaten auf sich und Kollegen. Im Gegenzug griffen islamistische Extremisten Polizeiwachen und christliche Kirchen an, steckten Regierungsgebäude in Brand und organisierten neue Protestmärsche.

"Es musste Tote geben"

Die beklemmende Realität lässt sich auch in dem scheinbar so routiniert geschäftigen Shubra nicht ausblenden. Nur ein paar Straßen weiter blockieren Panzerwagen die Kreuzungen, Soldaten mit kugelsicheren Westen und Maschinengewehren lehnen an Laternenmasten, viele Läden haben die Gitter heruntergelassen. Die Stadt wirkt wie erstarrt. Das ganze Land ist noch immer im Schockzustand. Bilder von in Tücher gewickelten Leichen dominieren die Nachrichtenportale im Internet. Dicht an dicht werden tote Körper in der Eman-Moschee nahe des Rabaa-al-Adawiya-Platzes aufgebahrt. Hier war das größere der beiden Protestcamps. Auf Facebook und Twitter werden den ganzen Tag über Kondolenztexte und Beileidskarten verbreitet und geteilt. In vielen Schaufenstern in Kairo hängen gelbe Tücher. Im alten Ägypten galt Gelb als die Farbe der Trauer.

Doch von Trauer wollen die einstigen Revolutionäre al-Mahdy und Heikal nichts wissen. Sie stünden hinter der Führung in Kairo, sagen sie. Diese hat das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte trotz der massiven internationalen Kritik verteidigt. "Die Armee wollte die Demonstranten nur beschützen", sagt Heikal, ein schmal gebauter Endzwanziger. Sie habe den Mursi-Anhängern immerhin freies Geleit erteilt. Die Polizei habe sich ihrerseits nur gegen die Schüsse der Demonstranten verteidigt. "Was würdest du tun, wenn jemand auf dich schießt?"

Und dann erzählt Heikal davon, dass sich seine Bewegung, die einstige Revolutionsgarde, mit der Armee verbünden müsse, um die "Feinde Ägyptens", also Israel und Amerika, aus dem Land zu halten. Davon, dass die Tamarud-Gruppe mit ihren Massenprotesten im Juni nicht allein Mursi zu Fall bringen wollte. "Wir müssen unser Land vor allen Islamisten schützen." Eine Demokratie sei in jedem Fall jetzt möglich, unterstützt al-Mahdy ihren Mitstreiter. Darin hätten dann auch alle Ägypter Platz, fügt sie hinzu. Sie sagt Sätze wie: "Eine schwierige Aufgabe erfordert drastische Maßnahmen." Und: "Es musste Tote geben. Den Preis muss Ägypten eben zahlen."

Spannung vor dem "Freitag der Wut"

Der Kellner, ein stämmiger Mann um die Fünfzig, schleicht um den Tisch herum. Er würde gerne sein Café schließen, sagte er. Bald komme die Dunkelheit, da wolle er zu Hause sein. Die Regierung in Kairo hat über der Hauptstadt und in anderen Landesteilen den Notstand ausgerufen und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Jeden Abend ab 19 Uhr müssen die Menschen die Straßen und Plätze verlassen haben. Wer sich der Anordnung widersetzt, muss mit einer Gefängnisstrafe rechnen.

 "Wir nutzen die Nacht, um uns vorzubereiten", murmelt al-Mahdy beim Rausgehen. Für Freitag haben die Islamisten neue Proteste geplant, radikale Unterstützer kündigten einen "Freitag der Wut" an. Die Mitglieder der Tamarud-Bewegung werden dann wieder an ihrem angestammten Ort sein: auf dem Tahrir-Platz. "Da haben wir einst für Gerechtigkeit und Stabilität gekämpft", sagt al-Mahdy. "Jetzt zeigen wir allen, dass sich der Kampf gelohnt hat."