Sie sitzen in orangenen Uniformen hinter selbstgebastelten Gittern, einige von ihnen halten Schilder in die Höhe. "Lasst die Aktivisten frei, rettet die Arktis", steht darauf geschrieben. Seit Wochen demonstrieren Anhänger der Umweltschutzorganisation Greenpeace vor russischen Botschaften in aller Welt. Als Häftlinge oder Polarbären verkleidet, fordern die Demonstranten die Freilassung jener 30 Aktivisten, die seit mehr als einem Monat – lange wegen des Vorwurfs der Piraterie – in russischer Untersuchungshaft sitzen. Tausende Sympathisanten schlossen sich sogenannten Solidaritätsmärschen an. 

Mehrere Friedensnobelpreisträger baten darum, Putin solle die "übertriebene Anklage" fallen lassen. In Großbritannien unterschrieben rund 1.250 Journalisten eine Petition für die Freilassung des 29-jährigen Kieron Bryan, der als Journalist mit an Bord war. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel griff besorgt zum Hörer und rief Putin an.

Auslöser war eine Greenpeace-Protestaktion vor der russischen Küste in der Pechorasee: Am 18. September um halb drei in der Früh steuerten vier Schnellboote die Ölplattform Priraslomnaja des russischen Konzerns Gazprom an. "Wir wollen die Bohrungen stoppen", noch in dieser Nacht, twitterten die Umweltaktivisten. Zwei von ihnen kletterten auf die Bohrinsel, um Transparente zu befestigen. Videoaufnahmen der Aktivisten zeigen, wie Mitarbeiter der Ölfirma versuchten, sie mit Wasserpistolen davon abzuhalten. Man habe die Aktivisten jedoch auch mit Messern und richtigen Pistolen bedroht. Unbekannte hätten elf Schüsse von der Bohrinsel abgegeben, gab Greenpeace später bekannt.

Schließlich beendete die russische Küstenwache die Aktion. Zwei Aktivisten wurden sofort festgenommen. Der Rest kehrte zwar vorläufig zum Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise zurück, das wenige Kilometer entfernt vor Anker lag. Aber auch sie wurden 24 Stunden später vom russischen Geheimdienst (FSB) inhaftiert. Der Eisbrecher wurde von den Behörden beschlagnahmt und nach Murmansk gebracht. Seitdem sitzen die "Arctic 30", wie sich die Aktivisten nennen, in Untersuchungshaft. Alle Anträge von Greenpeace, die Haft aufzuheben, wurden von den russischen Behörden abgelehnt

Anklage entschärft

Der Vorwurf der russischen Justiz lautete bis vor Kurzem: Piraterie. Die Umweltschützer hätten versucht, die Bohrinsel zu entern, die 60 Kilometer vor der russischen Küste liegt. Dabei hätten sie auch ein "bombenähnliches Objekt" dabei gehabt, absichtlich Motorboote der Küstenwache gerammt und damit Sicherheitskräfte, Gazprom-Mitarbeiter und die Ölplattform in Gefahr gebracht. Der Eisbrecher Arctic Sunrise habe sich außerdem illegal in der von Russland festgelegten Sperrzone rund um die Bohrinsel befunden. Anfang Oktober kamen neue Vorwürfe hinzu: Auf der Arctic Sunrise seien Schlafmohn, Morphium und "andere illegale Güter" entdeckt worden, teilten die russischen Ermittler mit. 

Nun hat Russland die Anklage überraschend von Piraterie auf Rowdytum abgemildert. Die russischen Behörden werden eine neue Anklageschrift gegen die in Murmansk Inhaftierten ausstellen, kündigte ein Sprecher der Moskauer Ermittlungsbehörde am Mittwoch an. Damit drohen den Angeklagten nun maximal sieben Jahre Haft, vorher waren es 15 Jahre.