Mit Spannung warteten die Journalisten am Donnerstag im Weißen Haus auf Barack Obamas Pressesprecher. Denn er ist bislang der Einzige aus der Regierung, der öffentlich irgend etwas sagt zu dem neuesten NSA-Skandal und dem ungeheuerlichen Vorwurf, dass die Amerikaner möglicherweise Angela Merkels Handy belauscht haben.

"Hat der amerikanische Geheimdienst nun die Kanzlerin abgehört?", fragte gleich eine Amerikanerin. Pressesprecher Jay Carney antwortete: Der Präsident habe der deutschen Kanzlerin in ihrem gemeinsamen Telefonat vom Mittwoch alles gesagt, was in diesem Fall zu sagen sei. Mehr gab Carney auch nicht bei der zweiten, dritten, vierten und fünften Frage preis. "Hat Merkel Obama angerufen? Oder hat der Präsident selber zum Hörer gegriffen?" Achselzucken. "Ich habe darüber keine Informationen", sagte Carney.

Die amerikanischen Journalisten wechselten das Thema und wandten sich wieder dem heimischen Streit über die Gesundheitsreform und das Einwanderungsgesetz zu. Die Wortmeldungen deutscher Journalisten wurden geflissentlich übersehen.

Was aber hat Obama der Kanzlerin gesagt? Doch nur, dass die NSA ihre Gespräche weder jetzt belausche noch in Zukunft abhören werde. Die Frage, was in der Vergangenheit geschah, ist damit nicht geklärt. Überdies: Zeichnete die NSA vielleicht nur die Verbindungsdaten von Merkels Telefonaten auf oder speicherte sie womöglich auch die Inhalte? Dechiffrierte der Geheimdienst sogar verschlüsselte Gespräche zwischen der Kanzlerin und ihren europäischen Partnern zum Beispiel auf der Höhe der Euro-Krise? Erfuhr der Präsident etwa frühzeitig von Merkels Strategie? Zu all dem schweigt Barack Obama.

Präsident und Kanzlerin haben miteinander gesprochen

Und Pressesprecher Carney zieht sich mit der Bemerkung aus der Affäre, man werde nicht zu jedem einzelnen Vorwurf gegen den Geheimdienst Stellung nehmen. Klar sei nur, dass die Vereinigten Staaten wie alle anderen Länder auch Nachrichten übers Ausland sammelten. Und zweitens: "Ich kann nicht mehr sagen, als dass der Präsident und die Kanzlerin miteinander gesprochen haben." Punkt. Schluss.

Wie der Präsident und sein Pressesprecher, so auch die anderen. Amerikas Regierungspolitiker halten sich bedeckt. Kaum jemand von Rang und Namen sagt etwas zu dem NSA-Skandal. Außenminister John Kerry, am Donnerstag in Washington zu Gast bei einer Konferenz der linken Denkfabrik Center for American Progress, sprach zwar über fast alles, was derzeit seine Außenpolitik tangiert. Aber er verlor kein einziges Wort über die manifesten transatlantischen Verstimmungen. Weder über die Verärgerung der Kanzlerin noch über die Wutausbrüche der Franzosen. Weder über die Absage des Besuchs der brasilianischen Präsidentin in Washington, noch über die Verbitterung des mexikanischen Staatsoberhaupts. Sie alle sind Opfer der amerikanischen Lauscher, die nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden.

Erst am Ende der einstündigen Pressekonferenz bemerkte Obamas Pressesprecher Carney, dass nicht nur amerikanische Journalisten gekommen waren und ließ gnädig eine Frage von ZEIT ONLINE zu. Ja, sagte er, der Präsident wisse sehr wohl, wie sensibel das Thema Privatsphäre gerade für die Deutschen und ihre Kanzlerin sei. "Das ist etwas, was er aus den Diskussionen mit der Kanzlerin weiß, zu der er eine lange und starke Beziehung unterhält. Selbstverständlich ist er sich ihrer Vergangenheit bewusst. Und er ist sich ebenso der deutschen Vergangenheit wie der ostdeutschen Vergangenheit bewusst."

Obama will Abhörtätigkeit überprüfen

Und schließlich bestätigte Carney auf Nachfrage der ZEIT ONLINE auch, dass Obama auf eine schnelle Überprüfung der Abhörtätigkeiten drängt. "Wir sind an dieser Überprüfung deshalb so engagiert beteiligt, weil der Präsident sie angeordnet hat. Und weil er es für wichtig hält, diese Geheimdiensttätigkeiten umfassend neu zu bewerten. Wir müssen unser Sicherheitsbedürfnis in ein Gleichgewicht mit der verständlichen und von uns allen geteilten Sorge über die Privatsphäre bringen. Der Präsident versteht diese Sorge der Deutschen."

Und dennoch: Carney ließ im Dunkeln, wie Obama dieses Gleichgewicht herstellen will. Und ob er dafür die Unterstützung der Demokraten und Republikaner bekommt. Der Kongress hat versprochen, ein Gesetz zur besseren Geheimdienstkontrolle auszuarbeiten. Wie weit ist es gediehen? Auch die Senatoren und Abgeordneten hüllen sich derzeit in Schweigen.