Manchmal erfährt man die Antwort auf große politische Fragen in einem Dorf. Einem Dorf in Indonesien, beispielsweise. 

2005 führte Benjamin Olken vom Massachusetts Institute of Technology ein Experiment zu Volksentscheiden durch. 49 indonesische Dörfer durften darüber entscheiden, welches Entwicklungsprojekt als nächstes angeschoben wird. Es ging um Straßen, Bewässerung und Schulen. In 32 Dörfern trafen die Entscheidung wie immer die Dorfoberen, in 17 jedoch durfte die Bevölkerung in einem Volksentscheid bestimmen. Das Überraschende: Zwar war das Ergebnis in der Regel dasselbe, doch die Zufriedenheit der Bevölkerung war höher, stellte der Ökonom Olken fest.

Seit einigen Jahren wird auch in Deutschland verstärkt über direkte Demokratie diskutiert. Mittlerweile streiten Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen darüber, in Deutschland bundesweite Volksabstimmungen einzuführen. Ein politisches Instrument, das im Nachbarstaat Schweiz bereits seit 1848 in der Fassung steht.

Die Schweizer sind Rekordhalter in Plebisziten. Eine Schätzung aus 2008 ergab, dass rund die Hälfte aller Volksabstimmungen weltweit in der Schweiz stattfinden. Und so wird dort über fast alles abgestimmt. Über ein Absinthverbot ebenso wie über die Frage, ob der Staat arbeitende Mütter finanziell unterstützen soll.

Isabelle Stadelmann-Steffen von der Universität Bern konnte nachweisen, dass in der Schweiz die Kantone, in denen Referenden und Initiativen öfter umgesetzt werden, zufriedener mit der Demokratie waren. Sie verwundern die Ergebnisse der Indonesien-Studie nicht: "Das ist eines der Argumente für das ganze Prozedere. Man ist zufriedener mit dem Ausgang, auch wenn das Ergebnis gar nicht so anders ist."

Plebiszit allein reicht nicht

Gleichzeitig warnt die Politologin davor in Plebisziten ein Allheilmittel für die Demokratie zu sehen. Ein Zuviel an Entscheiden könne ebenfalls zur Politikverdrossenheit führen. Außerdem seien die Anforderungen an die Wähler bei Plebisziten höher.

"Man muss sich auskennen, man muss die Vorlage lesen, wissen, was die Gegner wollen. Das ist schwieriger als eine Partei zu wählen", sagt Stadelmann-Steffen. Zwar gebe es bei Plebisziten die Möglichkeit, sich an einer Parteiposition auszurichten. Ihrer Meinung nach würden sich aber viele Wähler mit den konkreten Vorschlägen auseinandersetzen und dann bei der Entscheidung von der Linie "ihrer" Partei abweichen.

Direkte Demokratie funktioniert also nur, wenn die Bürger sich informieren und im Zweifel bereit seien, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, sagt die Forscherin: "In der Schweiz haben sich die Leute schon mal selbst höhere Abgaben auferlegt."

Bei manchen Entscheidungen sei außerdem abzuwägen, ob "die überhaupt an die Urne gehören." Einerseits ließe sich bei Themen wie dem Minarettverbot argumentieren, dass die Bürger über solche Themen diskutieren und Dampf ablassen können müssen. Andererseits birgt das die Gefahr, dass populistische Parteien den Volksentscheid für ihre Zwecke missbrauchen.

Trotzdem zeigen weitere Studien, dass das Konzept funktionieren kann. Die Forscher Julian Bernauer und Adrian Vatter untersuchten bei 24 Industrieländern, darunter Deutschland, inwiefern sich eine direkte Demokratie auf die Demokratiezufriedenheit auswirkt.

In ihrem Modell waren Deutschland und die USA auf dem unteren Ende der Skala für direkte Demokratie, da es noch keine bundesweiten Volksentscheide gibt. Die Schweiz, aber auch Polen und Slowenien befanden sich auf der anderen Seite der Skala.