Alexander Ankwab während des Interviews in seinem Büro

Zehn Minuten braucht man vom Olympischen Dorf in Sotschi mit dem Taxi bis zur Grenze nach Abchasien. Von dort sind es gut 100 Kilometer bis nach Suchumi, der Hauptstadt der Republik Abchasien. Etwa 240.000 Einwohner leben in dem Land am Schwarzen Meer südwestlich von Russland. Das Land ist, wie die Region Südossetien, nach den Kriegen Anfang der neunziger Jahre und von 2008 nur von Russland, Nicaragua, Venezuela, Nauru und Tuvalu als eigenständige Republik anerkannt. Georgien bezeichnet diese Gebiete als besetzt. Russland hat dort eine Militärbasis.

Alexander Ankwab ist seit 2011 Präsident der Republik Abchasien. Zuvor war er von 2005 bis 2009 Ministerpräsident seines Landes. Er hat sechs Attentate überlebt. Das Gespräch fand am vergangenen Freitag, dem 14. Februar 2014 statt, also vor dem Ausbruch der Gewalt am Dienstag in Kiew.


ZEIT ONLINE: Herr Präsident, wie hat Ihnen die Eröffnungsparade der Olympischen Spiele gefallen?

Alexander Ankwab: Es war grandios, wirklich grandios!

ZEIT ONLINE: Sie hätten es sicher gerne gesehen, wenn auch Athleten aus ihrem Land, Abchasien, dabei gewesen wären, wo die Spiele doch quasi bei Ihnen vor der Haustür stattfinden?

Ankwab: (lacht laut) Klar, noch sind unsere Wintersportler allerdings nicht ganz soweit. Okay, ernsthaft: Das Problem liegt an Ihrem Land, Sie erkennen uns nicht an, deshalb startet kein Sportler von uns bei Olympia. Vielleicht ist das bei den nächsten Winterspielen anders, wir sind ja in Verhandlungen. Wenn wir dann dürften, sind unsere Sportler bereit.

Abchasien - Abchasier fiebern mit russischem Olympiateam Abchasien liegt in unmittelbarer Nähe zum russischen Sotschi. Die Republik ist bisher nur von Russland und zwei Karibikstaaten als Staat anerkannt. ZEIT-ONLINE-Reporter Steffen Dobbert hat sich dort umgesehen.

ZEIT ONLINE: Angesichts der jetzigen Spiele beklagen Kritiker die Umweltbelastung, viel Geld sei verschwunden, die Überwachung übersteige das erträgliche Maß.

Ankwab: Für diese Olympischen Spiele hat Russland in sieben Jahren etwas vollbracht, was kein anderes Land der Welt hätte vollbringen können. Ich bin stolz auf diese Leistung.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit der Kritik an den Spielen?

Ankwab: Wissen Sie: Wer etwas kritisieren will, wird immer einen Grund für Kritik finden. So ist das mit allen Dingen, auch mit diesen Winterspielen.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Spiele Ihr Land verändert? Mit dem Auto kommt man nun nicht mehr über die Grenze nach Russland.

Ankwab: Die Vorbereitungen und die eigentlichen Spiele haben uns keinerlei Nachteile gebracht. Es ist wie in einer Wohnsiedlung: Russland und Abchasien sind Nachbarn. Und wenn der Nachbar ein ganz großes Fest feiert, hilft man mit und feiert natürlich mit. Wenn Sotschi jetzt und nach den Spielen ein noch besseres Reiseziel sein wird, werden auch mehr Touristen nach Abchasien kommen. Die Grenze wird nach Olympia für private Autos wieder offen sein.

ZEIT ONLINE: Wegen der Olympischen Spiele hat Russland die Grenze aber erst einmal verstärkt. Die Grenze zu Südossetien wurde sogar etwas in Richtung georgisches Territorium verschoben.

Ankwab: (lacht sehr laut) Ach, ihr armen Europäer, ihr tut mir Leid. Ihr seid erwachsene Menschen und glaubt immer noch an Märchen!

ZEIT ONLINE: Entschuldigen Sie, es gibt seriöse Berichte von Journalisten über diese Vorkommnisse an der Grenze.

Ankwab: (nimmt ein Blatt und malt) Schauen Sie: Das ist Russland, das ist Abchasien und das ist der Fluss Psou. Die Grenze verläuft entlang des Flusses und jede Seite hat eine Sicherheitszone, die auch zur Grenze gehört. Dort kommt man nur mit Sondererlaubnis rein. Wegen der Spiele ist diese Zone nun bis zu elf Kilometer breit. Das ist alles, wir helfen nur, damit die Olympischen Spiele sicher verlaufen. Die Georgier haben in Europa verbreitet, dass Russland die Grenze erweitert. Das ist ein Märchen.


ZEIT ONLINE: Wie würden Sie die aktuelle Beziehung zwischen Abchasien und Georgien beschreiben?

Ankwab: (zögert) Nach der langen Zeit des Krieges wollen wir ein Friedensabkommen mit Georgien unterzeichnen, das ist uns am wichtigsten. Deshalb wollen wir den Genfer Prozess gemeinsam mit Mediatoren aus Europa und Russland fortsetzen. Aber natürlich muss Georgien dafür unsere Vorschläge akzeptieren.

ZEIT ONLINE: Georgien hat zwar Sportler nach Sotschi geschickt, aber die politische Führung hat die Spiele boykottiert. Hat das Einfluss auf ihre Verhandlungen?

Ankwab: Nein, die Spiele haben gar nichts mit unserer Beziehung zu Georgien zu tun. Sport sollte Sport sein, und Politik Politik. Nur manchmal vermischt sich da etwas.

ZEIT ONLINE: Haben Sie bei der Eröffnungsfeier neben dem russischen Präsidenten auch mit dem ukrainischen Präsidenten gesprochen?

Ankwab: Nein, mit Viktor Janukowitsch habe ich mich nicht getroffen.

ZEIT ONLINE: Was ist Ihre Meinung zum Machtkampf in der Ukraine? Dort geht es wie in ihrer Region auch um die Beziehung eines Ex-Sowjetlandes zu Russland.