"Wir sollen es wagen", hat der neue italienische Ministerpräsident Matteo Renzi in seiner Rede vor dem Senat gesagt. Eineinhalb Stunden sprach der 39-Jährige. Über Schule, Arbeit, Europa. Und vor allem über sein Lieblingsthema, die Erneuerung der Politik. Am Ende gaben ihm 169 Senatoren ihre Stimme, vier weniger als bei seinem Vorgänger Enrico Letta. Der ehemalige Bürgermeister von Florenz gibt sich trotzdem zufrieden.

Obwohl Renzi in den vergangenen Monaten mehrmals versprach, nur mit dem "Segen des Volkes" Ministerpräsident werden zu wollen, scheute er sich nicht, Kraft der knapp 1,9 Millionen Wählerstimmen, die er bei der Wahl zum Parteichef im Dezember erhielt, zur Macht zu streben.  

Diese Machtergreifung passt zu ihm. Nicht einmal vier Jahre ist es her, seit Renzi zum ersten Mal über die "Verschrottung der alten politischen Führungsschicht" sprach. Nun hat er in drei Monaten sowohl die Führung der Demokratischen Partei, als auch die der Regierung übernommen.

In der Schnelligkeit liegt seine Kraft. Mit perfektem Timing fing Renzi vor drei Jahren an, den Missmut der Bevölkerung gegen die politische Elite geschickt aufzugreifen. Zum Höhepunkt der Wirtschaftskrise kritisierte er vehement die Ausschweifungen und die Verstaubtheit der Politiker. Dadurch gewann er die Zustimmung vieler enttäuschter Wähler.

Renzi gehört zum Establishment

Renzi ist jung – so viel wissen wir. Trotzdem wies er erneut darauf hin, zu Anfang seiner Rede vor dem Senat. "Ich bin nicht alt genug, um in diesem Gremium zu sitzen", sagte er. Denn Senator darf man erst ab 40 werden.

Renzis politische Erfahrung geht nicht über die Ämter des Provinzpräsidenten und des Bürgermeisters hinaus. Das ist derzeit ein Vorteil, denn damit trägt er keine Verantwortung für die Fehler der Vergangenheit: Es ist nicht seine Schuld, dass das Mitte-Links-Bündnis 2013 Berlusconi nicht besiegen konnte. Es ist nicht seine Schuld, dass in Italien 41,6 Prozent der jungen Menschen arbeitslos sind. Von nun an kommt aber die Verantwortung für den Zustand des Landes auch auf ihn zu.

Bis jetzt bezog der junge Bürgermeister seine Kraft aus seiner Rolle des Außenseiters. In seinen Reden war die Staatsverwaltung immer in zwei Lager geteilt: Auf der einen Seite Rom, die verschwenderische Hauptstadt, wo viel geredet und wenig getan wird. Auf der anderen Seite die lokalen Regierungen, wo die strukturellen Probleme des Landes konkret angepackt werden. Nach dem Führungswechsel stellt sich nun die Frage: Kann der Polit-Outsider das Land regieren, ohne dabei auf seine Besonderheit zu verzichten?

Der Ex-Bürgermeister hat sein Regierungsteam wie ein Stadtrat konzipiert: Er ist der Chef. Mit der Ausnahme von Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan, ehemals stellvertretender Generalsekretär der OECD, sind die neuen Minister nicht mehr als einflussarme Referenten. Die Tatsache, dass die erfahrene Außenministerin und ehemalige EU-Kommissarin Emma Bonino durch die 40-jährige Federica Mogherini ersetzt wurde, ist ein Zeichen dafür, dass Erneuerung eindeutig vor Erfahrung geht.

Renzi, der einsame Leader

Die Gestaltung der Führungsgruppe um den "Verschrotter" ist nicht nebensächlich. Denn was Renzi fehlt, ist vor allem ein standhaftes Team. Viele haben Renzi mit Tony Blair verglichen. Doch der ehemalige britische Ministerpräsident konnte sich auf Politiker wie Alastair Campbell, Peter Mandelson und Gordon Brown verlassen, die ihm zum Erfolg verhalfen.

Renzi hat eine andere Strategie. Er ist fest davon überzeugt, dass ein starkes Team ihm eher schadet als nutzt. Wie sich diese Strategie auf Renzis Politik auswirkt, konnte man bereits in der ersten Phase der Regierungsbildung beobachten: Viele hoch angesehene Unternehmer und Intellektuelle, die ihm nahe stehen und die er gerne in seiner Regierung gehabt hätte, ließen ihn abblitzen.

Wie lange überlebt die Regierung?

"Innovazione", Erneuerung, lautet sein Lieblingswort. Neben Kostensenkungen und Entbürokratisierung ist diese nicht näher definierte Erneuerung der Hauptpunkt seiner politischen Vision. Auf die Erneuerung der Politik setzt der junge Ministerpräsident alles. "Wenn sie gelingt, schafft die Erneuerung ein anderes (politisches) Umfeld als das, aus dem sie entstand. Dieses neue Umfeld veranlasst die Menschen, die bei der Veränderung mitwirkten, zu einer persönlichen Veränderung. "Sich selbst zu verändern ist die schwierigste Aufgabe", schreibt Renzi in seiner Einleitung zu Links und Rechts, einem klassischen Werk der italienischen Politikwissenschaft. Die Frage, wie lange seine Regierung überleben wird, hängt wesentlich von der Frage ab, ob Renzi es schaffen wird, sich rechtzeitig zu verändern.

Es ist sehr schwer einzuschätzen, wie lange diese Regierung im Amt bleiben wird. Als Renzi seinen Vorgänger abservierte, sagte er, die Letta-Regierung sei nicht mehr in der Lage, einige nötige Reformen, wie zum Beispiel die des Wahlgesetzes oder die des Arbeitsmarktes, effektiv voranzutreiben. Lettas größter Fehler war es, sich eine 18-monatige Frist gegeben zu haben und trotzdem so zu handeln, als ob die Regierung viel mehr Zeit habe, um die angekündigten Reformen umzusetzen.

Renzi macht Tempo

Jetzt sagt Renzi, er nehme sich vor, bis 2018 zu regieren. Trotzdem will er von Anfang an Gas geben. Und um sicher zu sein, dass sein Reformprogramm nicht auf der Strecke bleibt, setzt er auf zwei unterschiedliche Mehrheiten: Eine Mehrheit, die die Regierung stützt und eine andere, zu der auch Silvio Berlusconis Forza Italia gehört, die ihm bei besonders schwerwiegenden Reformen, wie der des Wahlgesetzes, behilflich sein könnte.

Sollte Renzi es schaffen, in wenigen Monaten einige Punkte des Programms umzusetzen  – in erster Linie die Steuer- und Ausgabensenkungen, dann die Arbeits- und Wahlreform  – würden ihm die Italiener seine Erbsünde vergeben: den Königsmord, mit dem er zur Macht kam. In einem Jahr könnte er dann als Sieger in einen Wahlkampf antreten und bei Neuwahlen zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Dann mit dem Segen des Volkes.