Dicht an dicht marschieren die Anhänger der Regierung nach vorne. Vorbei an Polizisten, die müde auf den Bordsteinen sitzen, vorbei an ihren Gegnern, die Fahnen und Podeste bereits einpacken. "Wahlen, Wahlen", rufen sie, bis ein eisernes Gittertor vor dem Wahllokal ihren Marsch stoppt. Lange werden sie sich von dieser Hürde nicht aufhalten lassen, das ist klar. Die Ersten beginnen schon an dem Tor zu rütteln.

Die Menschen im Bangkoker Stadtteil Din Daeng fordern ihre Rechte ein – sie wollen wählen, doch man lässt sie nicht. Die Anhänger des regierungsfeindlichen Protestführers Suthep Thaugsuban, die die von Thailands Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra angesetzte vorgezogene Parlamentswahl boykottieren, haben in vielen Teilen Bangkoks Wahllokale blockiert und die Verteilung von Urnen sowie Stimmzetteln verhindert. Allein in der Hauptstadt wurde die Abstimmung in rund 440 von etwa 6.600 Wahllokalen vorzeitig beendet oder gar nicht erst begonnen.

Auch im Süden des Landes konnten viele Thailänder ihre Stimme nicht abgeben. Landesweit wurden Hunderttausende Menschen daran gehindert, ihr Wahlrecht auszuüben. Die Parlamentswahl dürfte damit die politische Krise Thailands nicht lösen, sondern verschärfen. Das Land driftet weiter auseinander – und entfernt sich dabei gleichzeitig immer weiter von der Demokratie.

Hilflose Wahlleiter

Besonders angespannt war die Lage im Stadtteil Din Daeng. Regierungsgegner hatten sich seit dem frühen Morgen versammelt, um die Wahlen zu stören. Nur ein paar Reihen Polizisten trennten sie von den wütenden Bürgern, die ihr Recht einforderten. Erst nachdem die Wahl in dem Bezirk offiziell abgesagt  wurde, zogen die Regierungsgegner ab. Abstimmung verhindert, Einsatzziel erreicht.

Doch einige wütende Bürger wollen das nicht hinnehmen. Nach ein paar Minuten Gerüttel hat der Mob das Gitter beiseite geräumt, die Menschen strömen auf das Gelände. In dem Garten sind noch die Wahlzelte aufgebaut, auch die Tafeln mit Kandidatenlisten sind noch da. Aber wo sind die Verantwortlichen?

Ein paar Minuten später tritt ein Wahlleiter verunsichert aus dem Gebäude. Durch ein Megafon ruft er, er könnte nichts mehr machen, die Wahl sei bereits beendet. Ein Anführer der Menge ruft zurück: "Das ist mir egal, es ist noch ein paar Stunden Zeit!" Auch er brüllt durch ein Megafon, dabei stehen sich die beiden Streithähne fast direkt gegenüber. Die Menge ist aufgebracht. "Sind wir hier etwa in Uganda?", fragt ein älterer Mann und dreht sich enttäuscht ab. Eine Frau beginnt zu weinen, eine andere fängt an, vor Wut auf eine kleine Palme einzuschlagen. 

Überraschende Gewaltlosigkeit

Dass die Gewalt am Wahltag nicht eskaliert, ist schon fast eine Überraschung. Nach den Ausschreitungen vom Samstag, als sich die verfeindeten Parteien eine Schießerei lieferten, teilweise mit Maschinengewehren aufeinander losgingen, und mehrere Menschen verletzt wurden, waren noch schlimmere Krawalle erwartet worden. Bereits in den Tagen zuvor hatte es immer wieder heftige Auseinandersetzungen gegeben. Die Wahlkommission drängte deswegen darauf, die Wahl zu verschieben.

Doch Premierministerin Yingluck Shinawatra hielt an dem Wahltermin fest. Sie kann sich relativ sicher sein, die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben. Ihr Wahlsieg gilt als ausgemacht und ist damit ein willkommenes Mittel der Regierungschefin, sich neue Legitimation zu verschaffen – allerdings wird ein endgültiges Ergebnis wegen der vielen Verzögerungen ohnehin erst in einigen Wochen erwartet.

Entscheidend wird außerdem sein, wie hoch die Wahlbeteiligung ist. Da die Stimmabgabe in mehreren Dutzend Wahlkreisen nicht möglich war, steht schon fest, dass das Parlament ohne Nachwahlen nicht zu einer konstituierenden Sitzung zusammentreten kann.

Suche nach demokratischem Ausweg

Auch die Menschen, die sich im Garten versammelt haben und ihr Rechte einfordern, sind fast alle Anhänger der Regierungspartei. "Ich liebe die Premierministerin", sagt die Anwältin Petcharatch Vongwiset. Sie hat einen weißen Umhang an, auf dem mit schwarzer Farbe Peace geschrieben steht. Die 62-Jährige sagt, sie wohne eigentlich in Singapur, sei aber für die Wahl nach Bangkok eingeflogen. "Schauen Sie sich das an. Wir dürfen nicht wählen", sagt sie. "Ich bin nicht wütend auf die Regierungsgegner, aber sie sollten versuchen, die Dinge im Dialog zu lösen. Nicht so."

Während in Din Daeng die Zeichen auf Eskalation stehen, herrscht im Stadtzentrum ausgelassene Stimmung. Protestführer Suthep hat hier zu einem riesigen Picknick aufgerufen. In der Nähe des Einkaufszentrums MBK haben sich Nudelstände niedergelassen, die sonst Touristen auf der Khao San Road bewirten. Es ist diese merkwürdige Mischung aus Beinahe-Bürgerkrieg und Volksfest, welche die politische Krise in Bangkok seit Wochen kennzeichnet.

Jirapa Vithakamontri schlendert mit ihrer Tochter die Stände entlang, gleich möchte sie noch vor die Bühne, um den traditionellen Musikern ein bisschen zuzuhören. "Ich bin hier, weil ich ein Zeichen setzen will, dass diese Regierung keine Legitimität hat und die Wahlen nicht fair wären", sagt die 68-Jährige. Sie sei ja auch für Demokratie. Aber Yingluck und ihr Bruder Thaksin hätten so viel Geld, dass sie viele Wähler kaufen könnten. Auch die Medien, inklusive der westlichen, wie BBC und CNN, würden die Familie manipulieren. "So können wir nicht wählen."

Fraglich ist, ob den Führern der Opposition überhaupt noch an einem demokratischen Ausweg aus der Krise des Landes gelegen ist. Beobachter befürchten, dass regierungsfeindliche staatliche Institutionen die aktuelle Regierung einfach aus dem Amt jagen könnten. Die Wahlen wären dann ohnehin Makulatur.

Dass ein solcher juristischer Staatsstreich das Land langfristig stabilisieren könnte, ist jedoch zu bezweifeln. Thailand-Experte Andrew Walker, Professor an der Australischen Nationaluniversität in Canberra, schreibt  in einem aktuellen Aufsatz zur Krise: "Es ist ein Desaster für Thailand, dass die Opposition nicht versucht, gegen die Regierung in Wahlen zu konkurrieren."