Das Auswärtige Amt plädiert nach dem Machtwechsel in der Ukraine dafür, mögliche Finanzhilfen für das Land an strikte Bedingungen zu knüpfen. "Voraussetzung für Hilfen ist politische Stabilität und eine Übergangsregierung, mit der man verbindlich einen Hilfs- und Stabilisierungsplan entwickeln kann", sagte der für Europaangelegenheiten zuständige Staatsminister Michael Roth (SPD) Handelsblatt Online.

Nach Ansicht Roths sollte europäische Hilfe "rasch und umfassend" erfolgen. "Eine instabile und zahlungsunfähige Ukraine ist eine große Gefahr für Europa und alle Nachbarn", sagte er. Zur Unterstützung bedürfe es daher einer engen Zusammenarbeit der Europäischen Union mit den USA, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und auch Russland.

Unabhängig davon bleibe abzuwarten, wie sich die Lage in der Ukraine weiterentwickle. "Jetzt müssen alle in der Ukraine ihrer Verantwortung gerecht werden, dass der Umbruch friedlich fortgesetzt wird", sagte Roth.

Der Präsident der Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), hat sich für schnelle Finanzhilfen der EU für die Ukraine ausgesprochen. Die EU sollte "nicht lange warten, sondern versuchen, mit einer neuen Regierung so schnell wie möglich zumindest die Grundlagen der Handlungsfähigkeit einer solchen Regierung aufrechtzuerhalten", sagte Schulz dem Deutschlandfunk. Er könne jedoch nicht quantifizieren, wie groß die unmittelbare kurzfristige Hilfsleistung sein müsse.

Die Ukraine benötigt nach Angaben des geschäftsführenden Finanzministers Juri Kolobow 35 Milliarden US-Dollar (25,5 Milliarden Euro). Sein Land habe eine internationale Geberkonferenz unter Beteiligung der EU, der USA und des Internationalen Währungsfonds (IWF) angeregt. "Wir haben unseren internationalen Partnern vorgeschlagen, uns innerhalb der nächsten ein bis zwei Wochen Kredite zu gewähren", sagte Kolobow.

Der IWF erwäge ein Hilfspaket im Umfang von 15 Milliarden Dollar, um die Übergangsregierung in Kiew zu stabilisieren, sagte der Sprecher der US-Regierung, Jim Carney. Auch die USA selbst prüften Hilfen für die Ukraine. Über Art und Umfang sagte er jedoch nichts. 

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) schlug die Einrichtung einer internationalen Kontaktgruppe vor, um die Ukraine in der Übergangsphase zu helfen. Wegen ihrer Überparteilichkeit sei die OSZE prädestiniert, eine solche Gruppe zu leiten, sagte ihr Vorsitzender Didier Burkhalter. In der Organisation sind alle Mitglieder der EU sowie Russland und die USA vertreten. Die Kontaktgruppe könne Informationen über internationale Hilfe und Projekte koordinieren.  

Wahl des Regierungschefs

Das ukrainische Parlament will nach dem Sturz von Präsident  Viktor Janukowitsch und der Absetzung seiner Regierung heute einen neuen Ministerpräsidenten wählen. Offizielle Kandidaten gibt es nicht. Infrage für den Posten kommt der frühere Parlamentspräsident Arseni Jazenjuk, der im Parlament die Fraktion der Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko führt. Als möglicher Kandidat wird zudem der Unternehmer und frühere Außen- und Wirtschaftsminister Pjotr Poroschenko gehandelt.

Die geplante Wahl des Regierungschefs gilt als weiterer wichtiger Schritt aus der schweren Krise. Da das Land vor dem Staatsbankrott steht, reißt sich niemand um den Posten des Regierungschefs. 

UN-Botschafter sieht keinen Putsch

Der ukrainische UN-Botschafter Juri Sergejew sieht die Absetzung von Janukowitsch nicht als Putsch. Vielmehr sei Janukowitsch heimlich aus Kiew geflohen, habe seine Pflichten zurückgelassen und sich damit selbst zerstört, sagte Sergejew, der der Opposition nahesteht.

"Ich verlange, dass damit aufgehört wird, die Lügen von einem Putsch als Bezeichnung für den politischen Wandel in der Ukraine zu verbreiten", sagte Sergejew.

Über die künftige politische Orientierung seines Landes sagte Sergejew, es gehe nicht um eine Entscheidung zwischen Russland und Europa. "Wir müssen ein guter Partner der Europäischen Union sein", betonte er. "Und wir müssen ein guter Freund, ein guter Nachbar für Russland sein." Russland zweifelt die Legitimität der neuen ukrainischen Führung an.