Robert Leicht, 69, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V. © Nicole Sturz

Wir Deutschen haben offenbar ein merkwürdiges Verhältnis zu uns selbst – mitunter meint man fast, wir wollten es eigentlich nicht sein. Und so sind gerade jene, die sich für besonders aufgeklärt erachten und deshalb vom Nationalstaat, dem Staat überhaupt und geschichtlich grundierten Bindungen wenig halten, um so lockerer dabei, mit solchen Institutionen freihändig umzugehen. Anders ist der jüngste Disput in der großen Koalition über den Erwerb der Staatsangehörigkeit für hier lebende junge Ausländer kaum zu verstehen.

Seit dem Jahr 2000 können in Deutschland geborene Kinder von Ausländern unter Umständen die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Sie müssen sich aber bis zur Vollendung des 23. Lebensjahres zwischen der deutschen Staatsangehörigkeit und der beibehaltenen Staatsangehörigkeit ihrer Eltern entscheiden. Diese Optionspflicht gilt bisher, wenn beide Eltern nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben und nicht Bürger eines EU-Landes sind.

Nun soll diese Optionspflicht als irgendwie reaktionär fallen. Aber das Bestreben des Innenministers und der Union, diese Aufhebung immerhin an den nachgewiesenen Aufenthalt respektive Schulbesuch in Deutschland zu binden, gilt den Kreisen aus oben bezeichneten Milieus und vielen in der SPD irgendwie als spießig, wenn nicht als neo-nationalistisch oder gar als alt-völkisch. Deshalb nun einige Bemerkungen zu pseudomodernen Mythen des Staatsbürgerschaftsrechts.

Erstens: War unser Staatsbürgerschaftsrecht bis 2000 etwa in den Jahren von 1933 bis 1945 unselig völkisch infiziert worden? Unfug, es stammte, etwas verzögert, aus der Zeit nach der Reichseinigung von 1871 mit ihren vielfältig zersplitterten Teilbürgerschaften. Es wurde so lange beibehalten, weil es in beiden Teilen des 1949 geteilten Deutschlands galt und eine Brücke darstellte, die Flüchtlingen aus der DDR hier wie im Ausland unkompliziert den Erwerb bundesdeutscher Pässe ermöglichte, eben ohne gesonderte Einbürgerung.

Zweitens: Angeblich war unser Staatsangehörigkeitsrecht völkisch verdummt, weil es dem ius sanguinis (dem angeblich deutsch-dumpfen "Blutsrecht") folgt, wonach Kinder die Staatsangehörigkeit der Eltern bekamen, von denen sie abstammten – wohingegen die aufgeklärten Franzosen dem aufgeklärten ius solis (dem "Bodenrecht") folgten, wonach jeder Franzose wurde, der in Frankreich geboren wurde. Auch das war stets Unfug. Denn in Frankreich gilt vorrangig ebenfalls das ius sanguinis: Kinder, die von französischen Eltern abstammen, werden Franzosen – wo auch immer sie auf die Welt kamen. Im Übrigen: Kinder, die in Frankreich geboren sind, erhalten die französische Staatsangehörigkeit, wenn zumindest ein Elternteil auch in Frankreich geboren ist. Das reine Bodenrecht gilt in Frankreich nur in jenen wenigen Ausnahmefällen, wenn die Eltern unbekannt, staatenlos oder ausländische Staatsangehörige sind und ihnen ihre nach dem Blutsrecht angestammte Staatsangehörigkeit nicht übertragen. Mit anderen Worten: In Frankreich gibt es keine Staatsangehörigkeit nach dem Bodenrecht mit gleichzeitiger weiterer Staatsangehörigkeit.

Alles in allem ist es also völlig abwegig, das "moderne" französische Recht gegen das angeblich "antiquierte" deutsche Recht auszuspielen – und uns damit selber in die völkische Ecke abzudrängen.

Nun aber zum aktuellen Streit nochmals ein Blick nach Frankreich: Seit 1998 erhalten in Frankreich geborene Kinder ausländischer Eltern die französische Staatsangehörigkeit mit der Volljährigkeit. Aber erst und vor allem dann, wenn sie zu diesem Datum ihren Wohnsitz in Frankreich haben und nur, sofern sie seit dem Alter von elf Jahren mindestens fünf Jahre lang dort ihren ständigen Wohnsitz hatten. Und jetzt soll, was den aufgeklärten Franzosen recht und billig ist, bei uns von Übel sein: nämlich der Nachweis einer hinlänglich dauernden ständigen Wohndauer hierzulande – und das heißt bei dieser Altersgruppe auch die Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht? Das sei viel zu bürokratisch, sagen die Widersacher von Minister de Maizière. Dass ich nicht lache: Die Vorlage der Meldebescheinigung und des Schulzeugnisses – das dürfte doch wohl die einfachste Übung sein!

Um noch einmal aufs Grundsätzliche zu kommen: Die Verleihung der Staatsbürgerschaft an (bisher) Nicht-Deutsche ist, ernst genommen, der Abschluss der Integration, jedenfalls nicht ihr Surrogat. Und das versteht eigentlich jeder, der noch etwas auf den humanitären und staatsbürgerlichen Wert unseres Gemeinwesens gibt – und nicht etwa in einem uneingestandenen Selbsthass auf alles befangen ist, das mit Deutschland zu tun hat.