Eben noch geeintes Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft, jetzt Militäraufmärsche und Spaltungsgefahr – Geschichte wird in der Ukraine im Zeitraffer geschrieben. Auf die gefälschte Parlamentswahl 2012 folgten der Volksaufstand 2013 und die Revolution am Maidan. Nach der Abspaltung der Krim rufen nun Separatisten die "Volksrepublik Donezk" aus. Und in den Wochen vor der Präsidentschaftswahl am 25. Mai könnte alles noch schlimmer werden. Doch eine Frage nach der anderen. 

Ist die Ostukraine die neue Krim?

Die Muster scheinen sich zu ähneln: Erst Proteste und Unruhen, dann das Bekenntnis der lokalen Regierung zu Russland, die Ankündigung einer Volksbefragung – mit dem Ziel, sich von der Ukraine zu lösen. Im Hintergrund: russische Unterstützer oder Soldaten

Dennoch sind die Vorgänge diesmal anders gelagert: Die Krim war nie ein Verwaltungsbezirk der Ukraine. Als autonome Republik hatte sie Sonderrechte, auch weil sechs von zehn Bewohnern der Halbinsel ethnische Russen sind und die russische Schwarzmeerflotte dort stationiert ist. Im Osten der Ukraine ist das anders, hier leben hauptsächlich Menschen mit ukrainischen Wurzeln. In den Bezirken Charkiw bezeichnen sich 26 Prozent selbst als Russen, in Luhansk 39 Prozent und Donezk 38 Prozent. 

Während der Abspaltung der Krim sah die Übergangsregierung der Ukraine unter anderem deshalb tatenlos zu, weil sie wusste, dass sehr viele Menschen auf der Halbinsel Teil Russlands werden wollten. Selbst ukrainische Soldaten wechselten nach der Annektierung die Seiten.

Die prorussischen Proteste in Charkiw, Donezk oder Mykolajiw haben weniger Rückhalt in der Bevölkerung. Hinter den Männern, die Regierungsgebäude stürmen und russische Flaggen hissen, stehen nicht Tausende Bürger. Viele Demonstranten kommen aus dem benachbarten Russland. Die Ortsunkundigen sollen in Charkiw gar ein Theater gestürmt haben, das sie für das Rathaus hielten.

Wer will eine Teilung des Landes?

Seit mehr als 22 Jahren leben die Ukrainer in Ost und West unabhängig von Russland. Sie verständigen sich im ganzen Land auf Russisch und Ukrainisch. Seit der Unabhängigkeitserklärung funktionierte das so, das Land ist nicht geteilt. Wieso sollte das plötzlich anders sein?

Vielleicht weil die russische Regierung oder der Ex-Präsident Viktor Janukowitsch es so wollen. Wladimir Putin hat in Russland als Präsident eine erfolgreiche Pseudo-Demokratie errichtet. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt ihn, da er das Land nach den chaotischen neunziger Jahren stabilisiert hat. Eine echte Opposition, eine starke Zivilgesellschaft, freie Medien und unabhängige Gerichte, die Bürgerrechte garantieren – all das existiert in Russland nicht oder nicht mehr. Wenn solche demokratischen Strukturen in der Ukraine entstehen und das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung schafft, wäre das nicht im Interesse Putins. Direkt hinter der eigenen Grenze würde eine auch russischsprachige Nation zeigen, dass sich eine Revolution lohnt, dass der Kampf für mehr Bürgerrechte Erfolg haben kann. Dann könnten auch in Russland mehr Menschen auf die Idee kommen, ein Demonstrationsrecht zu haben.