Wenn ich ehrlich bin: Zum Teufel mit dem Freihandelsabkommen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) ist eindeutig eine gute Idee. Wirtschaftlich bedeutet das Abkommen einen Aufschwung für Europa, und Gott weiß, wie dringend Europa einen Aufschwung braucht. Es wird geschätzt, dass die USA rund 90 Milliarden Euro daran verdienen würden – Europa aber 120 Milliarden und der Rest der Welt noch mal 100 Milliarden. Und mehr als alle anderen profitiert Deutschland.

Hierzulande hängt man gern der Illusion nach, die Deutschen seien Opfer des amerikanischen Kapitalismus. Als Beweis dafür fallen dem durchschnittlichen Deutschen Dinge wie "McDonalds" oder "Hollywood-Scheiß" ein. Die Realität ist genau umgekehrt: Die Deutschen exportieren etwa doppelt so viel in die USA wie wir Amis nach Deutschland, und für jede Niederlassung einer US-Firma, die in Deutschland ihr Unwesen treibt, gibt es drei deutsche Niederlassungen in Amerika. Im Gegensatz zu den USA ist Deutschland nämlich ein Exportland: Mehr als 30 Prozent des deutschen Bruttoinlandprodukts stammen aus dem Export. Zum Vergleich: Der amerikanische Export macht nur 10 Prozent unseres BIPs aus. Das TTIP-Abkommen ist geradezu ein Geschenk an die Deutschen.

Und was ist der Dank? Meckern. Für die Deutschen ist TTIP vor allem eine Steilvorlage, sich selbst als Opfer einer internationalen Verschwörung darzustellen. Manchmal könnte man fast denken, dass sie es sogar selbst glauben.

Nehmen wir als Beispiel den populären Kritikpunkt "Investitionsschutz". Dieser Teil des Vertrags besagt, dass amerikanische Firmen künftig den deutschen Staat auf Schadenersatz verklagen können, sollte der Staat jene Firmen enteignen oder auf ähnliche Weise durch Gesetzgebung schaden. Das empört den obrigkeitsgläubigen Deutschen: "Unser Staat vorm Kadi? Wozu haben wir eine Obrigkeit, wenn man sie mir nichts dir nichts einfach infrage stellen darf?"

Was dabei gern verschwiegen wird: Diesen Investitionsschutz gibt es schon ewig, auch in Deutschland. So hat der schwedische Konzern Vattenfall den deutschen Staat auf Schadenersatz verklagt, weil Deutschland mit der Energiewende aus dem Atomstromgeschäft aussteigt. Vattenfall hatte ja eine Menge Geld in deutsche Atomkraftwerke gesteckt im guten Glauben, dass die Investition irgendwann Profite bringen würde. Als Kanzlerin Angela Merkel entschied, die Kraftwerke abzuschalten, spülte sie damit den Schweden die Grundlage für ihre Investition die Toilette runter – einfach so.

Ich finde schon, dass Vattenfall die Gelegenheit haben soll, seine Argumente vor Gericht vorzutragen. Ob das Gericht dem Unternehmen Recht gibt, steht auf einem anderen Blatt. Auch der Staat hat gute Anwälte. Aber dorthin gehört der Streit – vor Gericht, nicht vor das Parlament. Ein Staat, der selbst entscheidet, wem er Schadenersatz schuldet und wem nicht, ist kein Rechtsstaat, sondern ... Russland.