Am Rande von Brüssel, zwischen Stadtautobahn und Backsteinhäuschen, stehen drei Türme zu Babel. Eine Abteilung der Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission. Mehr als zwei Millionen Seiten haben sie vergangenes Jahr übersetzt. Chefterminologen und Linguisten in Bürozellen mit Zimmerpflanzen, Familienfotos an den gelben Wänden. Und auf dem Schreibtisch von Nazaré Vinha steckt im Stiftebecher eine kleine Europafahne.

Vor ihr liegen zwei Monate Arbeit, ein dicker Stapel Papier. Das Assoziierungsabkommen der EU mit Georgien im Entwurf der Kommission. Im Juni soll es in Kraft treten, Vinha hat es ins Portugiesische übersetzt. Ein heikles Dokument. In der Ukraine hat so ein Stapel Papier gerade erst Aufstände ausgelöst. Vinha hofft, dass sie keinen Fehler gemacht hat.

In Babel scheiterten die Turmbauer einst am Sprachwirrwarr. Sie konnten nicht weiter bauen, weil sie sich nicht verstanden. In den neuen Türmen zu Brüssel bauen sie aus 24 Sprachen eine Politik. Dafür nehmen sie in Kauf, dass ihre Sprachen sich von sich selbst entfernen, schrumpfen.

Jeder auf Englisch von den Politikern verhandelte Text muss exakt in alle anderen Sprachen der EU Gesetz werden. Doch Sprache ist nicht exakt, und damit beginnt das Problem für Vinha und ihre Kollegen. Viel einfacher wäre es, ließe sich Politik in Zahlen ausdrücken, die sind in jeder Sprache gleich. Die Aufgabe der insgesamt fast 4.000 Übersetzer und Dolmetscher bei der Europäischen Union ist es, Sprache so zu verwenden, als sei sie Mathematik.

Mehr als 200 Millionen Sprachsegmente

Deswegen benutzen sie einen Setzkasten mit Wörtern. "Euramis" heißt diese Datenbank und umfasst weit mehr als 200 Millionen Sprachsegmente. Darin landet nahezu alles, was in der EU schon einmal übersetzt wurde.

Als Vinha mit der Arbeit am Georgien-Abkommen begann, ließ sie sich von Euramis Übersetzungen vorschlagen. Estados Membros für Mitgliedsstaat, das ist noch simpel, aber auch ganze Sätze warf ihr das Programm auf den Bildschirm, kopiert aus früheren Assoziierungsabkommen. Vinha muss trotzdem einen zusammenhängenden Text daraus machen. "Zwischen dem, was die EU-Sprache uns vorgibt und einer natürlichen Sprache", sagt sie.

Schwierig wird es, wenn neue Worte in den Setzkasten eingepflegt werden. Vor ein paar Jahren kam zum Beispiel das Wort Innovation Cluster auf. Die deutsche Abteilung im neunten Stock hat das anfangs als "Innovationskern" übersetzt. Es setzte sich nicht wirklich durch, "das stand da jetzt so zehn Jahre lang, das wollte keiner", sagt die deutsche Übersetzerin Levke King-Elsner. Seit die entsprechenden EU-Dokumente durch neue ersetzt wurden, heißt Cluster nun auch im Deutschen Cluster. "Wir werden nur bemerkt, wenn wir Fehler machen."

"Süßkirschen" statt "Sauerkirschen"

Manchmal landen solche Fehler vor Gericht. Das ist der Alptraum der Übersetzer. 246 solcher Fälle musste der Europäische Gerichtshof zwischen 1960 und 2010 entscheiden.

Zum Beispiel 1993, als ein deutscher Übersetzer "Süßkirschen" statt "Sauerkirschen" schrieb und so die Konservenfabrik Lubella aus Lage an der Lippe gegen die EU aufbrachte. Eine Verordnung schrieb Mindestpreise für die Einfuhr von Kirschen fest – in allen anderen Ländern für die sauren, nur in Deutschland laut Text plötzlich für die süßen. Lubella fand, es müsse sich deshalb nicht an die Verordnung halten. Drei Jahre dauerte der Prozess, der Fehler war längst korrigiert, bis die Richter entschieden, dass die Verwirrung rund um die Sauer- und Süßkirschen im Rahmen des Erträglichen war. In den Fluren der Brüsseler Übersetzer kennt man das Urteil bis heute.