Ein Konvoi russischer Panzer und Militärfahrzeuge ist nach Angaben der ukrainischen Regierung von der von Rebellen eroberten Stadt Nowoasowsk im Osten des Landes in Richtung der Hafenstadt Mariupol gefahren. Er sei von ukrainischen Sicherheitskräften und Zivilisten gestoppt worden, teilte der ukrainische UN-Botschafter Juri Sergejew mit. Der Konvoi sei "höchstwahrscheinlich" ein Aufklärungstrupp gewesen, der die militärische Widerstandsfähigkeit in Mariupol testen solle. 

Ukrainische Sicherheitskräfte befürchten, dass die prorussischen Rebellen die Hafenstadt am Asowschen Meer einnehmen wollen, um so einen Korridor zwischen Russland und der im März annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim zu schaffen. 

Der Konvoi habe aus vier Panzern, drei gepanzerten Fahrzeugen sowie 50 Soldaten bestanden und sei am Morgen in Nowoasowsk gestartet, sagte der Diplomat. Wo die Truppe aufgehalten wurde, teilte er nicht mit. Der Kampf halte noch an. Prorussische Rebellen hatten mit Unterstützung aus Russland vergangene Woche das strategisch wichtige Nowoasowsk eingenommen.

Die Separatisten rückten nach eigenen Angaben mit gepanzerten Fahrzeugen an die Hafenstadt heran. "Unser Ziel ist die volle Kontrolle über die Stadt", sagte einer der Wortführer der militanten Gruppen. Bewohnern zufolge waren in Vororten Schüsse zu hören. Die Regierungseinheiten hatten in den vergangenen Tagen Straßensperren und Stellungen vor der Stadt errichtet. Der Angriff der Separatisten war seit Tagen erwartet worden, nachdem diese mehrere Orte an der Straße zur russischen Grenze erobert hatten.

Kämpfe in Donezk und Luhansk

Mariupol liegt rund 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Separatisten hatten die Stadt im Frühjahr unter ihre Kontrolle gebracht, Mitte Juni wurde sie von den Regierungstruppen zurückerobert.

Die Separatisten berichteten zudem von Gebietsgewinnen bei einer Offensive nahe der Stadt Luhansk. Dabei wurden demnach mindestens 17 Regierungskämpfer getötet. Auch am Flughafen von Donezk wurde nach Darstellung der Aufständischen wieder gekämpft. "Wir haben zwei Angriffsringe um den Flughafen gezogen – den Soldaten bleibt nur, zu kapitulieren oder zu sterben", sagte der Separatistenführer Wladimir Kononow.

Waffenruhe könnte am Freitag um 15 Uhr in Kraft treten

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hofft auf eine Waffenruhe ab diesem Freitag. Sollte bei einem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe in Minsk ein Abkommen für einen Friedensplan unterzeichnet werden, werde er für die ukrainischen Streitkräfte ab Freitag 15 Uhr Mitteleuropäischer Zeit eine Waffenruhe anordnen.    

"Morgen könnte mit der Umsetzung des Friedensplans begonnen werden", sagte Poroschenko am Rande des Nato-Gipfels in Wales. Ein Waffenstillstand wäre der erste Schritt zum Frieden. Im weißrussischen Minsk werden Unterhändler der Ukraine, Russlands und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zusammenkommen.    

Auch Anführer der prorussischen Separatisten in den Regionen um Donezk und Luhansk erklärten sich zu einer Waffenruhe bereit. Bedingung sei, dass die Vertreter der Ukraine den von Russland vorgelegten Friedensplan unterzeichneten. Dieser sieht unter anderem den Rückzug der ukrainischen Armee, einen Gefangenenaustausch, die Einrichtung von Fluchtkorridoren und die Entsendung internationaler Beobachter vor.

Poroschenko hatte am Mittwoch mit der Verkündung einer Waffenruhe nach einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin für Verwirrung gesorgt. Nach einem Dementi aus Moskau hatte Poroschenko seine Aussage relativiert. Russland hatte dann einen Sieben-Punkte-Plan für einen Frieden in der Ukraine vorgelegt. Dieser stieß beim ukrainischen Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk auf Ablehnung.

Nato-Beitritt der Ukraine nicht in Sicht

Poroschenko kündigte zudem eine Erklärung der Nato an, die dem russischen Vorgehen im Konflikt mit der Ukraine Rechnung tragen werde. In der Erklärung sollen demnach bilaterale militärische und technische Hilfen der Bündnisstaaten für die Ukraine befürwortet werden. "Das ist genau das, worauf wir gewartet haben", sagte Poroschenko.

Ein möglicher Beitritt der ehemaligen Sowjetrepublik stehe in absehbarer Zeit nicht zur Debatte, sagten Vertreter der Nato. Es wurde aber erwartet, dass alle 28 Nato-Staaten während des zweitägigen Treffens der ukrainischen Regierung ihre Unterstützung im Konflikt mit den prorussischen Separatisten zusagen und das Militär mit "nicht tödlichen" Gütern versorgen wollen.