Die Feindschaft mit dem syrischen Präsidenten ist allerdings neu: Erdoğan und Assad haben sich einst so prächtig verstanden, dass der Türke den Syrier einen "Bruder" nannte. Die Familien beider Politiker verbrachten 2008 sogar einige Urlaubstage gemeinsam in dem türkischen Badeort Bodrum. Dann kam der syrische Bürgerkrieg, zu Beginn versuchte Erdoğan noch, Assad zu Reformen zu bewegen. Dieser machte tatsächlich Zusagen, die Erdoğan öffentlich lobte, um dann zu erleben, dass Assad seine Versprechen nicht einhielt. Seitdem gehört die Türkei zu den Gegnern Assads. Im Sommer 2012 ließ die Türkei an der syrischen Grenze Truppen aufmarschieren und drohte mit einer Intervention. Erdoğan versprach: "Wir werden die muslimischen Brüder nicht im Stich lassen." 

Doch sind verletzte Eitelkeiten Grund genug, um Islamisten zu unterstützen? Vielleicht fehle hier die nötige Trennschärfe, sagt Janning. So sei es durchaus vorstellbar, dass wegen der chaotischen Situation die Grenzübergänge nicht ausreichend bewacht würden. Aber den Vorwurf, die Türkei sei ein wohlwollendes Transitland für Islamisten, will Janning nicht stehen lassen: "Dschihadisten sagen bei der Einreise ja nicht, in wessen Namen sie in den Bürgerkrieg ziehen wollen." 

Trotzdem bleibt die türkische Politik in Bezug auf IS erklärungsbedürftig. Bei einem kürzlichen Treffen im saudi-arabischen Jeddah zwischen dem US-Außenminister John Kerry und Vertretern muslimischer Staaten wurde eine Allianz im Kampf gegen den IS-Terror beschlossen. Zehn arabische Länder unterzeichneten das Bündnis, die Türkei machte als einziges Teilnehmerland nicht mit. Für AKP-Kritiker ein weiteres Zeichen für Erdoğans angebliche Terrorsympathien. Für den Politikwissenschaftler Janning aber nur ein Indiz für die Enttäuschung der Türkei gegenüber dem Westen: Zu oft sei das Land von der EU nachlässig behandelt worden, die Nato habe sich zudem in der Abwehr gegen IS nicht ausreichend hinter die Republik gestellt. Der Westen, so erscheine es den Türken, greife nur dann ein, wenn es ihm passe, so Janning.