Als wäre das Reich der Mitte wieder auferstanden und der Sohn des Himmels auf den Drachenthron zurückgekehrt – mit geradezu imperialer Prachtentfaltung hat Xi Jinping Anfang der Woche seine Gäste in Peking empfangen. Der Präsident, der in der Kommunistischen Partei der Korruption den Kampf angesagt hat und die Kader zu sparsamem Lebensstil anhält, zelebrierte das Gipfeltreffen des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (Apec) mit einem Pomp, der in groteskem Widerspruch steht zu den Problemen des Landes.

Sogar der Himmel über Peking strahlte im "Apec-Blau". Fabriken arbeiteten nicht, Büros blieben geschlossen, Autos durften nicht fahren. Wie ein Kaiser so etwas eben regelt, wenn hoher Besuch kommt.

Fehlt nur noch der Kotau. Ansonsten demonstriert Chinas Führung ein Selbstbewusstsein, dass es manchem Gast den Atem verschlagen haben dürfte. Dies ist der "chinesische Traum", wie Xi Jinping ihn träumt: eine machtvolle Nation, von aller Welt hofiert. China ist zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht aufgestiegen, hat Japan hinter sich gelassen und wird demnächst auch die Vereinigten Staaten überflügeln.

Nur wird dieser Überholvorgang noch eine Weile dauern. Bis dahin herrscht in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen die klassische Spannung zwischen aufsteigender und etablierter Macht. Um diese Spannung einzuhegen, hat Xi Jinping die Formel vom "neuen Typ der Großmachtbeziehungen" geprägt.

Diese Formel postuliert aber nicht nur den Wunsch nach einem Umgang unter Gleichen, damit hätten die Amerikaner kein Problem. Berater von US-Präsident Obama vermuten, dass sich hinter dem "neuen Typ der Großmachtbeziehungen" die Forderung verbirgt, Amerika möge Chinas "Kerninteressen" anerkennen, darunter Pekings Vorherrschaft im Ost- und Südchinesischen Meer.

Nun erwarten die meisten Nachbarn Chinas – Japan, Vietnam, die Philippinen und andere – das genaue Gegenteil: dass nämlich Washington ihre Interessen gegen den Hegemon China verteidigt. Deshalb hatten sie den von Obama vor drei Jahren angekündigten Pivot to Asia begrüßt, also die Hinwendung der Vereinigten Staaten zum asiatisch-pazifischen Raum.

Daraus ist allerdings nicht viel geworden. Die Ukraine-Krise und die Konfliktherde im Nahen und Mittleren Osten haben Obamas ganze Aufmerksamkeit gefordert und eine strategische Neuausrichtung der amerikanischen Außenpolitik verhindert.

Hinzu kam die innenpolitische Schwäche Obamas. Weil sich Weißes Haus und Kongress im Haushaltsstreit gegenseitig blockierten, konnte der US-Präsident im vergangenen Jahr nicht einmal am Apec-Gipfel teilnehmen. Xi Jinping sprang gern in die Lücke.

Inzwischen werde Obamas Pivot to Asia von Chinas Nachbarn "als heiße Luft" abgetan, wetterte Roger Cohen in der New York Times. "Folgenlos angekündigte amerikanische Ziele offenbaren eine schwache Präsidentschaft; die Asiaten haben daraus ihre eigenen Schlüsse gezogen."

Diese Schwäche wird durch die Niederlage von Obamas Demokraten bei den Kongresswahlen vor einer Woche noch unterstrichen. Wie soll sich eine lahme Ente im Weißen Haus dem chinesischen Machtanspruch widersetzen?

Aber in Washington gibt es auch eine andere Sicht auf die Dinge. Möglicherweise könne Obama mit einer republikanischen Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses die Prioritäten seiner Asienpolitik sogar leichter durchsetzen. Das Freihandelsabkommen TPP (Trans-Pacific Partnership) etwa, gegen das es unter den Demokraten erhebliche Widerstände gibt; oder höhere Verteidigungsausgaben, denen die Republikaner eher zustimmen würden.

In Peking beginnt sich jedoch das Bild eines schwachen Präsidenten festzusetzen, dem man keine Zugeständnisse mehr machen muss. Dabei wissen natürlich auch die Chinesen: Nur weil der Präsident schwach ist, ist es Amerika noch lange nicht. Gerade zieht die Wirtschaft in den USA wieder kräftig an. Dagegen muss Xi Jinping ein Wachstum von 7,3 Prozent, weit entfernt von den einstmals zweistelligen Zuwachsraten, als Chinas "neue Normalität" verkaufen.

Die Stabilität Asiens verlangt einen Ausgleich der Interessen Pekings und Washingtons. Beide Seiten wissen das. Es gibt, bei aller Rivalität, einen transpazifischen Pragmatismus, der seit mehr als 40 Jahren funktioniert, von Richard Nixons Treffen mit Mao Zedong 1972 bis heute.

Es ist dieser Pragmatismus, in dem sich Naher und Ferner Osten fundamental voneinander unterscheiden. Vielleicht ist aus dem Pivot to Asia auch deshalb bisher nichts geworden, weil er so dringlich nicht war. Weil anderswo die Welt viel stärker "aus den Fugen" ist als am Pazifik. Traurigerweise ganz besonders an den Rändern Europas.