Es gibt in der Politik Momente der Wahrheit. Das vergangene Wochenende war so ein Moment. Als kurz nacheinander im Mittelmeer zwei Schiffe mit Flüchtlingen sanken und insgesamt mehr als tausend Menschen starben, da wurde mit einem Mal die ganze Engherzigkeit, Unzulänglichkeit und Routine offensichtlich, mit der Europa den Menschen begegnet, die vor seinen Toren stranden. (Ja, es gab und gibt auch viel Routine in der Berichterstattung. Und in der Empörung.)

Politiker reagieren auf solche Momente der Wahrheit mit Sondersitzungen. Und weil die Wahrheit in diesem Fall besonders bitter ist, hat die Europäische Union in dieser Woche gleich zwei Sondersitzungen einberufen. Am Montag reisten die Außen- und Innenminister nach Luxemburg; gestern trafen sich die Regierungschefs außer der Reihe in Brüssel. Erst einmal gehe es darum, Menschenleben zu retten, erklärte Angela Merkel anschließend. Und: Eine "Gesamtstrategie" müsse folgen. War das noch eine aufrichtige Reaktion auf den Moment der Wahrheit? Oder doch schon wieder Routine?

Um Menschenleben zu retten, haben die Mitgliedsländer der EU beschlossen, den Schleusern das Handwerk zu legen sowie die Mittel für die Seenotrettung aufzustocken. Mehrere Mitgliedsländer, darunter Deutschland, schicken Marineschiffe ins Mittelmeer; das Budget für Triton – ursprünglich eine Mission zur Grenzsicherung – wird verdreifacht. Keine Frage, diese Beschlüsse sind richtig und wichtig. Zumal sie indirekt das Eingeständnis beinhalten, dass es falsch war, die ursprüngliche Rettungsmission Mare Nostrum, die im Oktober 2014 ausgelaufen war, nicht fortzusetzen. Aber ausreichend sind die Beschlüsse nicht.

Denn es geht in dieser Debatte nicht um Geld. Die Summen, die in Rede stehen, sind ein Klacks: Neun Millionen Euro statt bislang drei Millionen Euro im Monat will die EU künftig für Triton bereitstellen; das sind 108 Millionen Euro im Jahr. Wie viel hat noch einmal die Euro-Rettung gekostet? Auch die Fragen, wie man den Schleppern das Handwerk legt, etwa ob man ihre Schiffe versenken darf oder ob man dafür ein UN-Mandat braucht, sind zwar wichtig, aber letztlich nebensächlich. Details, die nicht den Blick verstellen dürfen auf eine andere, grundsätzlichere Frage: Welches Bild haben wir von dem Kontinent, auf dem wir leben?

Europa war in den vergangenen zwei Jahrhunderten selbst lange Zeit ein Kontinent von Auswanderern und Flüchtlingen. Menschen gingen aus ganz unterschiedlichen Motiven, politischen, aber auch wirtschaftlichen. Nun kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und wer sich umschaut, wie es gerade zugeht um uns herum, in Syrien oder Libyen, der wird sich keine Illusion darüber machen, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird.

Es wird daher Zeit, dass wir uns als das begreifen, was wir geworden sind: ein Einwanderungskontinent. So wie Deutschland in den vergangenen Jahren mühsam gelernt hat, dass es ein Einwanderungsland ist. Was das bedeutet, darüber müssten die Regierungschefs endlich anfangen zu sprechen – in Brüssel am Verhandlungstisch, und, wichtiger noch, zu Hause.

Der britische Regierungschef David Cameron, er steht gerade im Wahlkampf, hat in Brüssel mit großer Geste angekündigt, ein Flaggschiff der Royal Navy, die HMS Bulwark, nach Malta zu schicken. Und gleich hinterhergeschoben: Die Flüchtlinge, die das Schiff möglicherweise aufnimmt, sollten aber bitte schön nicht nach Großbritannien kommen. So geht das in der EU seit Jahren, wenn über Flüchtlinge gesprochen wird: Alle wissen um die Probleme, aber jeder schiebt sie so weit wie möglich von sich weg. Cameron steht damit längst nicht alleine.

Doch es hilft nichts, das Offensichtliche weiter zu verschleiern. Die bisherige Flüchtlingspolitik der EU, die ausschließlich auf Abschreckung und Abschottung setzt, ist gescheitert. Europa baut immer höhere Zäune und schickt immer mehr Polizisten auf Patrouille, doch die Zahl der Flüchtlinge will nicht kleiner werden. Die Toten der vergangenen Woche hindern die Verzweifelten in dieser Woche nicht daran, ihr Leben zu riskieren.

Es stimmt schon, wir werden nicht alle aufnehmen können, die zu uns kommen wollen. Aber wir werden auch nicht alle abweisen können. Die Alternative lautet daher nicht: Abschotten oder Überlaufenwerden. Die Alternative zu den unhaltbar gewordenen Zuständen ist eine kluge, kontrollierte und gemeinsame europäische Einwanderungspolitik. Dazu gehört es, mehr legale Wege nach Europa zu ermöglichen und innerhalb der EU für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge zu sorgen. Letztere soll nun in einem Pilotprojekt versucht werden, immerhin.

Man konnte einigen Regierungschefs in Brüssel anmerken, dass sie das Sterben im Mittelmeer nicht kaltlässt. Und dass sie die Verpflichtung spüren, etwas zu verändern. "Den Worten müssen Taten folgen", sagte Angela Merkel, "erst dann kann man davon sprechen, dass dieser Gipfel erfolgreich war". So ist es, und trotzdem wirkt das Wort Erfolg in diesem Zusammenhang unangemessen.