Und doch gibt es auch in Zeiten ökonomischer Verunsicherung und eines sich verschärfenden Kampfes um Aufmerksamkeit eine Sehnsucht nach Aufklärung, Tiefenrecherche und entschleunigter Deutung – auch das haben die letzten Tage gezeigt. Zum einen ist mir kein Beispiel der jüngeren Katastrophenberichterstattung erinnerlich, das auch branchenintern so viel Kritik und Kopfschütteln ausgelöst hätte, so viele Debatten und öffentliche Diskussionen über unverpixelte Fotos, die Namensnennung des Piloten, die Macht und Moral der Medien.

Zum anderen hat sich das Medienpublikum selbst in einer bislang unbekannten Unmittelbarkeit zugeschaltet. Das muss man nicht pauschal feiern, denn auch diejenigen, die sich da artikulieren, sind – wie alle Akteure in der öffentlichen Arena – anfällig für Manipulationen, Einflüsterungen, Stimmungen. Und doch verschieben sich hier die Machtverhältnisse. Selbst die Chefredakteure der größten deutschen Boulevardzeitungen sahen sich in der vergangenen Woche gezwungen, auf den Unmut im Netz zu reagieren. Noch watschte man die Einsprüche selbstbewusst als das Gerede von "Moralaposteln" ohne fundierte Medienkenntnis ab, aber schon allein der Zwang zur Auseinandersetzung macht deutlich, dass neben die vierte Gewalt des Journalismus heute die fünfte Gewalt der vernetzten vielen getreten ist, die Medien beobachten und kritisieren.

Das mag manchmal mühsam sein, mitunter brutal und ungerecht, aber auch inspirierend und lehrreich. Im Idealfall entsteht so – Schritt für Schritt – eine redaktionelle Gesellschaft (Cordt Schnibben), die sich über ethisch-moralische Standards für eine neue Medienwelt verständigt und in ein großes Gespräch eintritt, das allen nützen kann. Im Angesicht der Katastrophe, aber auch in den Zeiten danach.

Dieser Text stammt aus der ZEIT vom 1. 4. und wurde für die Online-Fassung geringfügig aktualisiert.