Die Wahrheit wird euch frei machen: Wie oft mögen deutsche Politiker diesen Satz aus der Bibel in Gedenkreden eingeflochten oder in die Besucherbücher von Gedenkstätten geschrieben haben?

Und dann fehlen ihnen zum 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern plötzlich die Worte. Dann drucksen sie herum und wollen die Wahrheit nicht aussprechen. So wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der noch am Freitag voriger Woche sagte: "Die Greuel der Vergangenheit lassen sich nicht auf einen Begriff oder den Streit um einen Begriff reduzieren."

Doch, genau das ist möglich, wenn die Geschichtsschreibung auf dem Weg seriöser Forschungsarbeit zu diesem Begriff gefunden hat. "Es steht heute außer Frage, dass die Massaker und die Massentötung der Armenier in den Jahren 1915 bis 1916 als Völkermord zu bewerten sind", sagt der Historiker Norman Naimark, Professor an der Stanford University in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Die Forschung ist sich in dieser Frage einig."

Im Auswärtigen Amt und im Bundeskanzleramt wollte man davon nichts wissen. Die Bundesregierung verständigte sich anfangs mit den Fraktionsspitzen der großen Koalition für die Bundestagsdebatte an diesem Freitag auf einen Entschließungsantrag, in dem das Wort vom Völkermord nicht auftauchte. Denn das hätte ja türkische Empfindlichkeiten verletzen können.

Zum Glück gibt es in der deutschen Politik eine Instanz, die – den richtigen Amtsinhaber vorausgesetzt – in Momenten intellektueller Verwirrung und Realitätsverweigerung der politischen Klasse den Weg weisen kann. Bundespräsident Joachim Gauck, der am Donnerstag im Berliner Dom bei einer Gedenkveranstaltung zum Leidensweg des armenischen Volkes sprechen wird, machte Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier hinter den Kulissen offenbar klar, dass er sich deutlich zu Wort melden wolle.

Der ehemalige protestantische Pfarrer will wohl nicht hinter den klaren Worten von Papst Franziskus zurückstehen. Der hat die Verfolgung der Armenier den "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" genannt, klipp und klar, so wie es sich für einen guten Kirchenmann gehört. Und wie es auch ein Politiker in fundamentalen Fragen tun muss.

Joachim Gauck also ist zu danken für die "Impulse aus dem Präsidialamt im Hinblick auf mögliche Formulierungen", wie der Sprecher des Auswärtigen Amtes es so schön sagte.

Man stelle sich vor, wie Gauck im Schutze seines Büros aus der Haut gefahren sein mag: Ja, seid ihr denn noch bei Troste?, könnte er getobt haben. Da stehen wir kurz vor dem 8. Mai und dem siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes, und die Repräsentanten des Volkes, das den schlimmsten Genozid über die Menschheit gebracht hat, eiern beim Thema Völkermord herum wie Vortragende Legationsräte Dritter Klasse?

Habt ihr denn alle vergessen, könnte Gauck ausgerufen haben, was mein Vorgänger Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag in seiner großen Rede gesagt hat: "Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit."

Da haben, so stellen wir es uns vor, die Berater von Kanzlerin und Außenminister beschämt zu Boden geschaut und einen neuen Formulierungsversuch unternommen. Und siehe da, nun sollen die Abgeordneten der Entschließung zustimmen, das Schicksal der Armenier sei "beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist".

Da steht es jetzt also tatsächlich, das Wort vom Völkermord, widerwillig in einen verschachtelten Satz gezwängt, der sich liest wie ein zu Worten geronnenes schlechtes Gewissen. Allein, ein Gutes hat das Trauerspiel: Nie zuvor ist in Deutschland das Wort vom Völkermord an den Armeniern häufiger gefallen – weil die Bundesregierung es unbedingt verschweigen wollte.