Theo Sommer, 85, war von 1972 bis 1992 Chefredakteur der ZEIT, danach ihr Herausgeber bis zum Jahr 2000. © Jakob Börner

Die europäische Misere schlägt auch in Polen auf die Stimmung. EU-kritischer Populismus macht sich dort ebenfalls breit; er hat jüngst die Präsidentschaftswahlen beeinflusst und wird im Herbst auch auf die Parlamentswahlen abfärben. Bei einer internationalen Konferenz der ZEIT-Stiftung habe ich am vorigen Wochenende in Warschau viel über die Gründe gehört, doch zugleich auch manches erfahren, was die Polen auf ein "Goldenes Zeitalter" hoffen lässt, wie es ihnen eine Weltbank-Studie in Aussicht stellt.   

Die Gründe der Enttäuschung liegen auf der Hand. Von dem Aufschwung, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vor einem Vierteljahrhundert begann, haben nicht alle Bürger profitiert. Zwar ist die Arbeitslosigkeit von 14 auf knapp 10 Prozent gesunken, doch die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei beunruhigenden 30 Prozent; 2,7 Millionen junge Menschen sind erwerbslos. Zwei Millionen Polen haben ihr Heimatland verlassen, um anderswo ihr Glück zu machen. Ungeduld mit dem Tempo der Entwicklung, Ehrgeiz und der Hunger nach persönlichem Erfolg haben sie außer Landes getrieben. Die Experten streiten darüber, ob die Auswanderung einen Braindrain verursacht oder doch eher einen Braingain; die Emigranten überweisen jährlich immerhin 10 Milliarden nach Hause, und viele kehren zurück, um sich in der Heimat eine Existenz aufzubauen.  

Andererseits ist jedoch Polens wirtschaftlicher Aufstieg nicht zu übersehen. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte blühen in neuem Glanz. Das wiederaufgebaute Warschau ist eine wunderschöne Stadt; die Tristesse der kommunistischen Epoche ist bunter, lebendiger Vielfalt gewichen; das Straßenbild unterscheidet sich nicht von dem westlicher Städte. Und alle Statistiken bestätigen die Anschauung.  

Polens Wirtschaft ist die sechstgrößte Europas. Das Bruttoinlandsprodukt des 38-Million-Volkes, 520 Milliarden Dollar, beläuft sich auf ein Drittel des BIP der 2004 in die EU gekommenen osteuropäischen Länder. Das Pro-Kopf-Einkommen betrug 2014 rund 24.000 Dollar; laut Weltbank wird es bis 2030 auf 80 Prozent des westeuropäischen Einkommensniveaus ansteigen. Das Wirtschaftswachstum lag zwei Jahrzehnte lang bei 4 Prozent jährlich; in diesem Jahr werden 3,6 Prozent erwartet, dreimal mehr als im EU-Durchschnitt. 

Die Wirtschaft boomt also. Tausende von Start-ups zeugen vom Unternehmergeist der Polen. Eines fällt vor allem auf: Es gibt im Lande keine Oligarchen. Eine Mittelschicht ist entstanden, keine Schicht von Milliardären, die sich – wie in Russland oder der Ukraine – nach dem Ende des Kommunismus das Volksvermögen unter den Nagel gerissen hat. Die polnischen Millionäre haben sich aus eigener Kraft nach oben gearbeitet.  

"Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat sich Polen ganz verwestlicht", sagte ein Warschauer Ökonom in der Diskussion. "Es ist ein Erfolgsmodell geworden, das Europa verändern wird." Der polnische Erfolg ist umso höher einzuschätzen, als es in Polen, anders als in Deutschland, keinen Westen gab, der dem Osten auf die Beine half. In die ehemalige DDR flossen seit 1990 über 2.000 Milliarden an Aufbauhilfe; die Polen erhielten ganze 150 Milliarden Euro an Investitionen aus dem Ausland, dazu seit dem EU-Beitritt im Jahre 2004 rund 100 Milliarden Euro aus der Brüsseler Kasse.  

Deutschland und Polen sind Nachbarn seit 1.000 Jahren. Es war eine wechselhafte Nachbarschaft, immer wieder überschattet von Konfrontationen und Konflikten, Grenzstreitigkeiten und Grenzverschiebungen. Die deutsche Rolle war dabei zumeist schändlich. Drei polnische Teilungen und sechs Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg, der deutsch-sowjetische Rapallo-Vertrag von 1922 und der Ribbentrop-Molotow-Pakt von 1939 haben den Polen tiefe Wunden geschlagen. Die jahrzehntelange Weigerung vieler deutscher Politiker, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, hat bis 1990 das Verhältnis vergiftet.   

"Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen", sagt William Falkner. Polen und Deutsche können und dürfen sie nicht vergessen. aber sie haben guten Grund, sich an das Wort von George Bernard Shaw zu halten: "Wir werden weise nicht durch die Erinnerung an die Vergangenheit, sondern durch die Verantwortung für unsere Zukunft." 

Heute kann ein polnischer Außenminister sagen: "Ich fürchte die deutsche Macht weniger als die deutsche Tatenlosigkeit." Zwei Drittel seiner Landsleute stimmen ihm zu: 67 Prozent betrachten Deutschland nicht als militärische Bedrohung, 66 Prozent nennen das deutsch-polnische Verhältnis gut oder sehr gut. Inzwischen erkennen sie auch an, dass bei der Vertreibung der Deutschen in den Jahren 1945/46 viel Unrecht geschehen ist, das keine Rechtfertigung fand in dem Bösen, das die Deutschen den Polen angetan hatten.  

Aus Gegnern und skeptischen Nachbarn sind längst gute Freunde geworden. Nach den Türken sind die Polen die größte Einwanderergruppe in der Bundesrepublik; neben Hunderttausenden von polnischen Saisonarbeitern leben Heerscharen von Ärzten und Pflegern, Anwälten und Handwerkern ständig bei uns. 27.400 polnische Firmen werden im deutschen Handwerksregister geführt; die Grenzregion wird zunehmend zum Bindeglied zwischen den beiden Völkern; die militärische Zusammenarbeit gestaltet sich immer intensiver.  

In der Europäischen Union ist die Partnerschaft schon sehr eng. Sie sollte jedoch noch viel enger werden. Die deutsch-französische Achse ist zu schwach, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Das "Weimarer Dreieck", 1991 schon von Deutschland, Frankreich und Polen aus der Taufe gehoben, muss belebt und verstärkt werden, wenn Europa des Krisenfeuer-Rings Herr werden will, der die Brüsseler Gemeinschaft umgibt.