Vermutlich kann man bei der polnischen Staatseisenbahn (PKP) nicht fassen, was ihnen widerfahren ist, was das alles soll, woher sich erst das Interesse, vor allem in den italienischen Medien, und dann die Aufregung über ihre Annonce im Internet speiste. Für den 22. Juni wollte die PKP eine Immobilie versteigern, eine Ausschreibung wie Tausende zuvor: Mindestgebot 133.600 Złoty, rund 38.000 Euro, zwei alte Häuser aus dem 19. Jahrhundert, insgesamt 316 Quadratmeter groß, dazu das Grundstück, 6.225 Quadratmeter. Nun ist alles abgesagt, und das ist eine gute Nachricht, denn ein alltäglicher Vorgang wäre diese Versteigerung mitnichten gewesen.

Das Grundstück liegt nicht irgendwo, sondern in 22-670 Bełżec, Lwowska-Straße 56. Bełżec ist einer von drei Orten im heutigen Polen, in denen die Deutschen im Rahmen der "Aktion Reinhardt" Vernichtungslager errichtet haben; systematisch wurden dort die Juden des Generalgouvernements vernichtet, allein in Bełżec starben 450.000 Juden. In einem der Häuser, die nun verkauft werden sollten, lebte der erste Lagerkommandant von Bełżec, SS-Obersturmbannführer Christian Wirth. Nebenan wurden die Habseligkeiten der Getöteten sortiert und aufbewahrt.

Die drei Lager sind heute zerstört, fast nichts erzählt von der Vernichtungsaktion der Deutschen. Aber dieses Haus ist noch immer gut erhalten und damit eine historische Besonderheit. Nur zeigte offenbar niemand in Polen Interesse daran.

Es war das deutsche Bildungswerk Stanisław Hantz, das sich um das Gebäude bemüht hat. Das Bildungswerk, benannt nach dem Auschwitz-Überlebenden Stanisław Hantz, wird von einer Handvoll Ehrenamtlicher betrieben, regelmäßig organisieren sie Fahrten zu den historischen Orten deutscher Vernichtungspolitik. Sie wollen in dem Gebäude Räume für die Gedenkstätte Bełżec herrichten (diese liegt in der Nähe des Gebäudes), Ausstellungen organisieren, das Gebäude als einen Erinnerungsort der deutschen Täterschaft erhalten. Zwei Jahre lang haben sie mit der PKP Gespräche geführt und diese zum Verkauf gedrängt, doch von der Versteigerung wurden sie Ende Mai überrumpelt. Auf die Schnelle haben sie versucht, Geld zu sammeln und mitzubieten; hätte ein privater Käufer das Bauland gekauft, wären die Gebäude wohl abgerissen worden. Schon zuvor ist ein Lokschuppen, ebenfalls ein erhaltenes Gebäude des Lagerkomplexes, unwiederbringlich verrottet, nachdem es verkauft wurde, sagt Andreas Kahrs vom Bildungswerk Stanisław Hantz.

Für die PKP mag die Versteigerung als ein gewöhnlicher Vorgang begonnen haben. Doch die Versteigerung einer historischen Stätte an einen Privatinvestor ist kein gewöhnlicher Vorgang; nichts, was historisches Erbe betrifft, kann ein gewöhnlicher Vorgang sein. Es ist eine grundsätzliche, unumkehrbare Entscheidung darüber, was bewahrt werden muss, und diese Entscheidung darf nicht in den Händen eines privaten Investors liegen.

Was lohnt, erinnert zu werden?

Fürs Erste sind die Gebäude gerettet. Die PKP will das Gebäude weiterhin verkaufen, aber nur, wenn der Käufer es in seiner historischen Bedeutung nutzen werde. Und fürs Erste ist auch Zeit gewonnen. Zeit, die man nutzen sollte, um sich Fragen zu stellen, denen man bisher auswich: Wie kann es sein, dass sich lediglich eine kleine Initiative aus Deutschland für den Erhalt einsetzt? Warum war der polnische Staat nicht daran interessiert, das Gelände zu kaufen oder zumindest einen angemessenen Käufer zu finden? Warum ist das Museum Majdanek, das die Gedenkstätte in Bełżec betreibt und sich zuständig fühlen müsste, so zögerlich und passiv? Und muss jedes Bahnhaus, jedes Wohnhaus mit einer eigenen Geschichte gleich zu einer Stätte werden? Was lohnt, erinnert zu werden – und was darf dem Vergessen anheim fallen? Denn es ist nicht so, als käme das Thema überraschend. Seit 1999 ist das Grundstück im Besitz der PKP, und bis vor Kurzem lebte dort unbeachtet von der Welt ein Bahnwärter mit seiner Familie, der Gemüsegarten hinter dem Haus wird noch immer bestellt. In den Häusern drumherum, wo früher SS-Offiziere lebten, wohnen heute Familien. Solche Orte gibt es allenthalben, auch in Deutschland. Welche lohnt es, zu bewahren?

Eine Begegnung mit dem Polen Marek Edelman fällt mir ein, dem einzigen überlebenden Kommandanten des Warschauer Ghetto-Aufstandes. Kurz bevor er 2009 starb, sprachen wir beim ihm zu Hause in Warschau über 1939, über den Vernichtungskrieg der Deutschen gegen Polen, über den Holocaust und wie diese Erinnerungen miteinander konkurrieren. Als das Gespräch zu Ende war, schaute ich mir die Gemälde an, die an der Wand hinter seinem Sofa hingen, dicht beieinander gehängt. Gefragt nach seinem liebsten, winkte Edelman mit dem Arm, es hing in einem anderen Zimmer. Ein kleines Bild in Öl, gemalt von seiner Schwiegertochter. Verschneite Landschaft, ein paar Steinbrocken, kahle Bäume. Treblinka, oder das, was davon übrig geblieben war und Marek Edelman nicht losließ.