Die Griechen haben seit sechs Uhr die Möglichkeit, über die Reform-Vorschläge der internationalen Geldgeber abzustimmen. Knapp zehn Millionen Bürger sollen entscheiden, ob sie im Gegenzug für die Fortsetzung des Hilfsprogramms die Spar- und Reformauflagen der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) annehmen. Vielen Griechen gilt das Referendum als Abstimmung über den Verbleib in der Eurozone.

Die linksgeführte Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras hat dazu aufgerufen, mit "Nein" zu stimmen, um gestärkt in die Verhandlungen mit den Geldgebern zurückzukehren. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel warben für ein "Ja".

Umfragen zufolge sind die Griechen fast gleichmäßig geteilt zwischen "Ja" und "Nein". Die Wahllokale schließen um 18 Uhr (MESZ). Zwei bis vier Stunden später dürften aussagekräftige Ergebnisse vorliegen, wie das Presseamt der Regierung mitteilte. 

Formell hat das Referendum keine Bedeutung mehr, weil das zweite Hilfsprogramm am Dienstag auslief, ohne dass sich das von der Pleite bedrohte Land und die Geldgeber auf Bedingungen für die Auszahlung weiterer Milliarden einigen konnten. Politisch ist es aber für mögliche weitere Gespräche über ein drittes Hilfsprogramm wichtig. Wegen der Krise sind seit einer Woche die Banken weitgehend geschlossen.

Aber auch nach der Volksabstimmung können die Griechen nicht mit einer schnellen Rettung rechnen. Die Bundesregierung dämpfte bereits am Freitag Hoffnungen der griechischen Regierung, zügig frische Hilfsgelder zu erhalten.

Für und wider Grexit

Finanzminister Yanis Varoufakis griff die Geldgeber noch kurz vor der Abstimmung scharf an. "Was man mit Griechenland macht, hat einen Namen: Terrorismus", sagte der Minister zu den Verhandlungen mit den Gläubigern. Er warf zudem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor, schon lange für einen Austritt Griechenlands aus dem Euro zu sein. "Schon 2012 hat Herr Schäuble deutlich gemacht, dass er einen Grexit bevorzugen würde", sagte Varoufakis der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte dagegen vor den negativen Folgen eines solchen Schrittes. "Selbst wenn wir eine solche Entwicklung finanz- und währungspolitisch bewältigen können, wäre das Signal eines Grexit an die Länder außerhalb der EU verheerend", sagte er dem Tagesspiegel am Sonntag.

China, Indien und die USA beobachteten genau, ob die Europäer diese Krise meisterten oder an der Herausforderung scheiterten, sagte Steinmeier. Für den Fall eines Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone gelte: "Europa würde in Teilen der Welt an Ansehen verlieren und Glaubwürdigkeit einbüßen." Zugleich kritisierte Steinmeier die griechische Regierung. Es sei "eine Mischung von Unerfahrenheit, Ideologie und radikaler Rhetorik", mit der diese die Verhandlungen in eine Sackgasse getrieben habe.