Ein Akt der Selbsterhöhung – Seite 1
"Einmal das Lügenblatt bitte": Mit diesen Worten tauchte der Kabarettist Dietrich Kittner an mehreren Kiosken in Hannover auf und erhielt umstandslos die Bild-Zeitung ausgehändigt. Das war in den späten sechziger Jahren. Damals ging der Begriff des Meinungsmonopols um. Ich trug die Losung "Enteignet Springer!" an der Jacke. Wegen des Lügenblatts.
Springer wurde indessen nicht enteignet, und anstelle des
von mir einst favorisierten Staatsmonopols entstand eine buntere
Medienlandschaft als je zuvor. Da war die Wirklichkeit mal wieder klüger als
unsereiner.
Diese vielfältige Medienwelt existiert bis heute in
Deutschland. Trotzdem verbreitet sich von Neuem die Ansicht, hierzulande bestimme
eine Art Einheitspropaganda den Diskurs. Dieser Sichtweise zufolge schreiben
und senden die Medien allesamt die nämlichen Propagandalügen über Russland, die
Nato, die USA, die Banken, den Euro, den Neoliberalismus – suchen Sie sich
etwas aus.
Erfreulicherweise haben viele Journalisten darauf mit der
selbstkritischen Frage reagiert, was sie denn wohl falsch machten. Sie wurden auch
fündig. Belehrender Ton, die oft nur klammheimliche Korrektur von Fehlern,
mangelhafte Transparenz, das ist alles nicht schön am Journalismus, muss
geändert werden und ändert sich ja auch, Stück für Stück.
Aber machen wir uns nicht vor. Die Ansicht, Deutschlands
Medien seien – wieder einmal – gleichgeschaltet, kann nicht bloß auf solcherlei
Fehlern unseres Metiers gründen, dafür ist diese Behauptung zu ... wie soll ich
es sagen, ohne unhöflich zu sein? Vielleicht so: dafür ist sie zu radikal.
Hier
kommt daher ein anderer Versuch, die Verbreitung dieses Vorurteils zu erklären.
Schauen wir uns zunächst einmal die Struktur dieser
Fehlwahrnehmung an. Wer behauptet, die Lüge regiere und die Wahrheit werde weithin
vertuscht, der spricht damit zugleich aus, dass er die Wahrheit kenne. Nicht
irgendeine, sondern eine ganz ausgezeichnete, die erst so richtig den Sinn der
Wirklichkeit erschließe. Manche Leute meinen zum Beispiel, Deutschland werde
von den USA regiert (doch, allen Ernstes). Aus ihrer Sicht ergibt das
politische Geschehen als Ganzes erst dann einen Sinn, wenn diese Theorie
zugrunde gelegt wird. Und auf einmal sieht man klar.
Derartige Offenbarungsfantasien, denen zufolge es eine
alles erklärende Geschichte hinter der Geschichte gebe, tauchen die Welt in ein
neues Licht. Eine Umklappwirkung, wie wir sie von Vexierbildern kennen. Oder
von Religionen.
Wer behauptet, er habe die Lüge durchschaut, erlebt einen genussvollen Moment. Sein Aha-Effekt ist psychisch aufgeladen, beglückend. Denn wer das Rätsel löst, ist auf einmal ein anderer. Ein Durchblicker. Er kann auf die Dummen herabblicken, die nicht kapiert haben, dass samt und sonders bestimmte finstere Mächte schuld sind an allem Übelstand.
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Oder "das System" – noch so eine Vokabel. System bedeutet: Die Einzelheiten des Geschehens ergeben sich folgerichtig aus einer Menge von Elementen und Regeln, da ist kein Platz für Zufall, Nebenläufigkeit oder Kontingenz, für Eigenwilligkeit, Glück oder Pech. An solche Dinge, nicht wahr, glaubt doch nur die unaufgeklärte Masse, nicht der Eingeweihte.
Womit wir im Kern angekommen sind: Selbsterhöhung. Wer die Wahrheit weiß, die uns verschwiegen wird, ist kein kleines Würstchen mehr. Sein Ich ist unversehens gewachsen. So sehr, dass es sich sogar traut, rebellisch aufzutreten. Der Rebell fordert die Macht heraus. In der sogenannten autonomen Szene ist in diesem Zusammenhang ein vielsagendes Wort beliebt: Selbstermächtigung. Interessant, dass die Eindeutschung des Wortes Empowerment nach Machtergreifung klingt. Über die Gründe wäre noch nachzudenken. Lustvoll jedenfalls scheint dieses Rauslassen des zuvor gehemmten Machttriebs besonders dann zu sein, wenn es im Kollektiv geschieht. Als schwarzer Block, als Pegida – egal, jedenfalls als Mob.
Alles das erinnert an die Psychodynamik linksradikaler Bewegungen von einst. Sie wähnten sich im Besitz des Geheimnisses: "Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist" (Lenin). Sie vermittelten ihren Aktivisten ein historisch schwingendes Machtgefühl; noch die kleinste Sekte schmetterte die Zeile "Wir sind die stärkste der Partein".
Die Internationale wird auch heute noch hier und da gesungen, gleichwohl existieren derartige Bewegungen nicht mehr als gesellschaftsprägende Instanzen. Die Sehnsucht nach ermächtigenden Wahrheitserlebnissen besteht indessen fort. Sie muss das Transzendenzdefizit auffüllen, das der Untergang des sinnstiftenden Integrismus von links hinterlassen hat. Und sie schnappt sich halt dasjenige Material, das vorhanden ist.
Davon gibt es ja genug: im Sumpf des Ressentiments, der noch lange nicht ausgetrocknet ist, sowie in der Propaganda jener Medien, die sich tatsächlich in der Hand autoritärer Staaten befinden.
"Einmal das Lügenblatt bitte": Mit diesen Worten tauchte der Kabarettist Dietrich Kittner an mehreren Kiosken in Hannover auf und erhielt umstandslos die Bild-Zeitung ausgehändigt. Das war in den späten sechziger Jahren. Damals ging der Begriff des Meinungsmonopols um. Ich trug die Losung "Enteignet Springer!" an der Jacke. Wegen des Lügenblatts.
Springer wurde indessen nicht enteignet, und anstelle des
von mir einst favorisierten Staatsmonopols entstand eine buntere
Medienlandschaft als je zuvor. Da war die Wirklichkeit mal wieder klüger als
unsereiner.