Fassbomben auf syrische Städte, Tote in Aleppo, Terroranschlag in Bagdad – ist das aktuell oder die Meldung von 2014? 2013? Oder 2012? Ein Boot mit Flüchtlingen ist im Mittelmeer gesunken – das mit 600 Menschen an Bord, oder war es das mit 1.000 Menschen an Bord? Der IS zerstört archäologische Stätten – welche jetzt gleich noch mal? In Palmyra oder schon woanders? Ein paar Tote im Donbass, schreiben die Agenturen, OSZE angegriffen, also alles wie gehabt.  

Die Gewöhnung setzt ein und damit die Hilflosigkeit. Die Waffenruhe in der Ukraine funktioniert nicht, sie hat nie funktioniert. Wie oft lässt sich das aufschreiben, ohne dass die Notwendigkeit zu berichten zur öden Wiederholung wird? Wird das irgendwer lesen, außer eine Handvoll Berufsbesessener? Auf einen Artikel über das Scheitern des Minsker Abkommens, immerhin eine streitbare These, die ich auf einer ganzen Seite erörtert habe, erhielt ich keinen einzigen Leserbrief. Eine Kollegin, die 60 humorige Zeilen über die Bundesjugendspiele schrieb, kam dagegen auf ein Dutzend empörter Schreiben.

Nicht nur uns Journalisten droht die Überforderung, weil die Zeit der Normalität vorbei zu sein scheint. Elend, weit entferntes, abstraktes Elend, lässt abstumpfen. Jaja, furchtbar das alles im Nahen Osten und in der Ukraine, aber was soll man machen? Doch es sind wir Journalisten, die die Nachrichten überbringen. Die entscheiden, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht. Wir müssen täglich aufs Neue Worte und Bilder dafür finden, statt vor der Gewöhnung zu kapitulieren.

In seiner Essaysammlung Die Kraft zur Korrektur schreibt der israelische Schriftsteller David Grossman von dem Leben in Israel. Davon, wie ein Übermaß an Brutalität irgendwann ein Vakuum zwischen dem Menschen und seinen Lebensumständen entstehen lässt, weil man nichts an den Grausamkeiten, die jeder Tag bereithält, ändern kann. Und wer würde es schon ertragen, wer die unerschöpfliche Kraft haben, immerzu durchlässig und verwundbar zu bleiben?

Irgendwann verflacht die Sprache der Betroffenen, schreibt Grossman, "bis sie zu einer Aneinanderreihung von Schlagworten und Parolen verkommt". Erst treffe es die Institutionen, dann die Medien, schließlich werde die intime Sprache der Menschen durchdrungen, der öffentliche Diskurs sei tot.

Komplexität macht müde

Sicher, Grossmans Erfahrungen speisen sich aus einem Leben in einem Land, das seit Generationen keinen Frieden kennt. Das sich mit der Besatzung eingerichtet hat. Aber auch hier ist die Gewöhnung an die Tragödien spürbar, auch hier wird das Komplexe und schwer Erträgliche zunehmend in handliche Floskeln und leere Worte verpackt.

Wann hat man aufgehört, sich zu wundern, wenn in den Nachrichten von "Flüchtlingsströmen" und "Flüchtlingswellen" die Rede ist? Ist die biblische Reminiszenz gewollt oder lediglich eine Kapitulation vor der Überforderung? "Asylbetrüger" – was soll das sein? Und wann hat man aufgehört, zu stutzen, wenn Kredite als "Rettungspakete" verkauft werden, wenn von "Hausaufgaben machen" die Rede ist, von "Taschengeld" für Flüchtlinge, um das Komplexe griffig und verdaulich zu machen?

Elend macht hilflos, Komplexität macht müde. Was könnten wir schon tun angesichts Hunderttausender Flüchtlinge? Was angesichts eines unübersichtlichen Krieges in der östlichen EU-Nachbarschaft? Wird er weniger bedrohlich, wenn man ihn als "brüchige Waffenruhe" bezeichnet?

Schriftstellern bleibt die Fiktion. "Wenn wir schreiben, spüren wir, wie die Welt sich bewegt, dass sie flexibel ist und voller Möglichkeiten", schreibt Grossman. "Sie ist gewiss nicht erstarrt. Wo Menschlichkeit ist, gibt es keinen Stillstand, keine Lähmung und eigentlich auch nicht so etwas wie einen Status quo." Uns Journalisten bleibt nur die Realität, aber wir können der Gewöhnung trotzen, weiter berichten. Uns nicht an Floskeln gewöhnen, sondern mit Mühe und präzisen Worte erzählen.

Wenn wieder ein "Verstoß gegen die Waffenruhe" verzeichnet wird, dann klingt das nicht sehr schlimm. Es heißt aber nichts anderes, als dass im Osten der Ukraine wieder eine Schule zerschossen wurde, jemand sein Haus verloren hat, ein Soldat getötet wurde oder ein Rentner ums Leben gekommen ist. Es ist an uns Journalisten, den unbekannten Opfern der Meldungen ihre Namen wiederzugeben, ihren Geschichten nachzuspüren, von ihren Leben und ihrem Tod zu erzählen. An Ihnen ist es, davon zu lesen.