Kurz hinter dem Ortsausgang der serbischen Provinzstadt Šid stoppen Polizisten die Busse mit den übermüdeten Passagieren. Zwei Kilometer sind es von hier aus noch bis zur kroatischen Grenze. Helfer heimischer Hilfsorganisationen verteilen im Nieselregen bunte Regencapes und etwas Marschverpflegung. Alleine stapfen die Rucksackträger dann in langen Kolonnen über aufgeweichte Maisfelder in Richtung Westen weiter. Jenseits der grünen Grenze warten auf sie kroatische Polizisten, um sie per Bus in das nächste Auffanglager zu eskortieren – ein früheres Mineralöllager im nur wenige Kilometer entfernten Opatovac. 

Zwei Wochen nach der Abschottung von Ungarns Grenze zu Serbien hat sich auf der nach Westen verschobenen Balkanroute eine gewisse Routine eingespielt. Die gefährlichste und kostspieligste Etappe ist für die Flüchtlinge dabei wie bisher der erste Teil des langen Weges: 1.200 bis 1.500 Dollar pro Person werden von den Schleppern für die Schlauchboot-Passage von der türkischen Westküste auf eine der griechischen Inseln verlangt.   

Jeder Transitstaat schiebt die ungewollten Immigranten danach so rasch wie möglich zum nächsten weiter. Mit Fähren und Bussen werden die Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln mittlerweile in ein, zwei Tagen an die mazedonische Grenze verfrachtet. Dort haben sie auf dem Bahnhof von Gevgelija sieben Euro für den dreistündigen Zugtransit an die Grenze zu Serbien zu berappen. 35 Euro soll derzeit der Tarif für die Direktbusse vom südserbischen Preševo zur kroatischen Grenze bei Šid betragen. Wer es eilig hat und es sich leisten kann, nimmt ein überteuertes Taxi. 

Ungarns Grenzzaun hat nichts gebracht

Vom ostkroatischen Slawonien werden die Flüchtlinge an die noch offenen Übergänge der nahen Nordgrenze zu Ungarn gekarrt. Auf der nördlichen Seite der Schengengrenze warten auf sie bereits die Züge und Bus-Kolonnen für den Gratis-Transit ins Burgenland: In den letzten Tagen wurden täglich 6.000 bis 8.000 Neuankömmlinge aus Ungarn im österreichischen Nickelsdorf gezählt. Es habe sich "nichts geändert", konstatiert nüchtern Burgenlands Polizeisprecher Helmut Marban: Ungarns Grenzzaun habe "nichts gebracht".  

"Die Südgrenzen Bayerns werden heute von Ungarn geschützt", hatte Premier Viktor Orbán bei seinem umstrittenen Auftritt bei der CSU-Herbstklausur erklärt. Tatsächlich hält Ungarns Selbsteinzäunung die Flüchtlinge nicht auf. Im Gegenteil: Die Furcht vor Europas baldiger Abschottung scheint deren Andrang noch zu verstärken. Allein im September gelangte die Rekordanzahl von rund 170.000 Flüchtlingen nach Bayern.  

Auch der einsetzende Herbst hat bisher keine Entspannung gebracht. Zwar mehren sich die Regentage, doch die Kriegsmüden kommen trotzdem. Und zwar eher schneller als bisher: Selbst Familien mit Kindern nehmen sich nun kaum noch Zeit zum Verweilen, sondern versuchen, die zugigen Zelt- und Durchgangslager so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Flüchtlinge, die es in vier Tagen vom syrischen Aleppo bis ins kroatische Opatovac oder in zwei Tagen von Izmir nach Belgrad schaffen, sind keine Seltenheit mehr. Teure Schlepper werden dabei immer seltener gebraucht. Denn weil die Zahl der Flüchtlinge so groß ist, winken die völlig überforderten Transitstaaten die Flüchtlinge möglichst umgehend ins jeweils nächste Land durch.

Alle gegen alle, jeder für sich

Serbien stehe in der Krise "nicht alleine", hatte kürzlich EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn beim Besuch des Durchgangslagers in Šid seinen Gastgebern versichert. Die Flüchtlingskrise könne nur im "Geist der Solidarität" gelöst werden. Doch ob EU-Mitglied oder Anwärter: von harmonischer oder gar gleichgesinnter Kooperation der unfreiwilligen Transitstaaten kann keine Rede sein. Alle gegen alle und jeder für sich: In der Flüchtlingskrise endet die Solidarität spätestens an der eigenen Landesgrenze. 

Die Konflikte um die Flüchtlingsrouten drohten die Beziehungen in der gesamten Region zu "verschärfen", warnt Sloweniens Premier Miro Cerar: Der Balkan sei "nicht stabil genug, um eine derartige Situation auszuhalten". Tatsächlich hat sich Ungarn mit der einseitig forcierten Selbsteinzäunung fast mit allen Nachbarn völlig überworfen. Aber auch die wüste Rhetorik zwischen Kroatien und Serbien hat in der Region üble Erinnerungen an das Kriegsjahrzehnt der 1990er wach werden lassen.