"Was für ein tolles Land Deutschland ist" – Seite 1

Schweiß tropft von erschöpften Gesichtern, leere Blicke, Babys schreien,  Kinder toben durch die Halle. Kurz nach 19 Uhr endet für 250 Flüchtlinge im Starnberger Flügel des Münchner Hauptbahnhofs eine lange Reise. Sie sind aus dem Railjet 64 aus Budapest gestiegen, nachdem Ungarn sie teils wochenlang an der Weiterreise gehindert hatte, jetzt warten sie in der Hitze.

Montagvormittag, berichtet Ahmed aus Syrien, habe sich ihnen erstmals keine Polizei mehr in den Weg gestellt, als sie versuchten, in einen der Züge nach Westeuropa zu steigen. Jetzt steht der freundliche Mann im Alter von gut 50 Jahren mit den ersten Ankömmlingen hinter einem hüfthohen Gitter, das die Münchner Polizei vor Wochen für die Registrierung von Flüchtlingen am Hauptbahnhof aufgebaut hat.

"Es war ein richtiger Run auf die Plätze, im Zug war es kochend heiß", sagt Ahmed. Er sei einfach nur dankbar, in Deutschland sein zu dürfen. "Wozu diese Schikane in Ungarn?" Zum Abschied streckt er die rechte Hand über das Gitter. Wo Ahmeds Daumen sein müsste, befindet sich ein Stummel mit einer frischen Wunde. "Assad", sagt er entschuldigend.    

Österreich hatte den Zug aus Ungarn, in dem auch Ahmed saß, gestoppt und alle Flüchtlinge zurückgeschickt, die dort Asyl beantragt hatten. Die anderen durften passieren. Etwa 190 holte die deutsche Polizei dann in Rosenheim aus dem Zug, obwohl die Bundespolizei dort zwischenzeitlich gemeldet hatte, sie stelle die Kontrollen wegen Überlastung ein. Alle Übriggebliebenen sitzen jetzt hier auf dem Boden im Münchner Hauptbahnhof, an die Wände der Schalterhalle gelehnt.

In einer Ecke sitzen Aziz und seine Familie. Aziz' Vater neben seiner kleinen Tochter, die erst ein paar Monate alt ist und auf dem Arm ihrer Mutter schreit. Aziz ist 15, er kommt aus Afghanistan und spricht ein wenig Englisch. "Werden wir hier wieder wochenlang schlafen müssen?", fragt er. Hier, damit meint er den Münchner Hauptbahnhof. In Budapest gehörte seine Familie zu den Hunderten Flüchtlingen, die im Transitbereich des dortigen Bahnhofs übernachtet hatten. Als er hört, dass ihm noch heute Abend ein Feldbett in einer Unterkunft zusteht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht.  

Routine für die bayerische Polizei

Die Ankunft der Flüchtlinge hatte sich über die sozialen Netzwerke herumgesprochen. Vor den Gleisen knien Bürger auf dem Boden und pinseln eilig ein Willkommensplakat. Ehrenamtliche stehen mit Keksen, Brezeln und Obst bereit. Die Bundespolizei, inzwischen geübt im Umgang mit Flüchtlingen, reicht Wasserflaschen und Papiertüten mit Lebensmitteln aus dem Bahnhofskiosk über das Gitter an die Ankömmlinge. Vor dem Bahnhof stehen Dixi-Toiletten für die Flüchtlinge bereit. Daneben haben Ärzte einer privaten Initiative einen orangenen Bus geparkt und untersuchen hier die Neuankömmlinge. Überall klicken die Kameras von Journalisten. Links sitzen Eritreer, rechts Afghanen, den größten Raum nehmen in der Mitte Syrer ein.   

Die Regierung von Oberbayern, zuständig für die Betreuung der Flüchtlinge, hat schnell reagiert: Vor dem Bahnhof fahren Busse vor. Im Licht der Fernsehkameras steigen die ersten Flüchtlinge ein. Die Busse fahren nach Regensburg, die Münchner Erstaufnahmen sind schon voll.    

In dem Trubel steht Sven Müller von der Münchner Polizei und wundert sich über das große öffentliche Interesse: "Ein paar Hundert Flüchtlinge am Tag, das ist extrem und bringt alle an die Grenzen – aber das haben wir hier regelmäßig." Für ihn und seine Kollegen sei das ein "normaler Arbeitstag".   

Das Ende von Schengen und Dublin?

Ganz alltäglich ist die Ankunft der Flüchtlinge in Bayern nicht. Denn sie kommen aus Ungarn, einem EU-Land, wo sie nach den Dublin-Regelungen  hätten Asyl beantragen und untergebracht werden müssen. Die dortigen Behörden aber ließen die Menschen ziehen.

Ist das der Anfang vom Ende der Schengen- und Dublin-Verträge? Die einen regeln den freien Personen-, Waren-, und Dienstleistungsverkehr, letztere schreiben unter anderem vor, dass sich das EU-Land um Asylbewerber kümmern muss, welches diese zuerst betreten. 

Punks und Nazis an den Gleisen

Margarete Bause fürchtet, dass darüber eine Diskussion aufkommen wird. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag steht in der Schalterhalle, um sich ein Bild zu machen. "Ich kann mir vorstellen, dass Forderungen, die Grenzen zu kontrollieren, lauter werden", sagt sie. Vor allem von der CSU erwartet Bause das. "Die beste Methode, Schleuser zu bekämpfen, wäre es, legale Einreise zu ermöglichen. Und die Bewegungsfreiheit in der EU muss erhalten bleiben." Erst vergangene Woche hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angekündigt, für syrische Flüchtlinge das Dublin-Verfahren auszusetzen und sie nicht mehr in andere EU-Staaten abzuschieben.  

Später, um halb neun, zückt Samir aus Syrien in der Haupthalle des Hauptbahnhofs sein Smartphone. Die Kamera richtet er auf die Gleise, die Anzeigetafel über dem Bahnsteig kündigt den zweiten Zug des Abends aus Budapest an. Der 17 Jahre alte Samir und seine Familie sind vor drei Jahren geflohen. "Jetzt warte ich auf meinen Freund, er soll auch sehen, was für ein tolles Land Deutschland ist", sagt er.

Mit ihm warten Flüchtlingsaktivisten auf den Zug – und fünf Neonazis, unter ihnen der verurteilte Rechtsterrorist Karl-Heinz Statzberger. Unter Applaus geleitet die Polizei die Rechtsextremisten schließlich vom Gleis.  

Weitere Züge aus Ungarn kommen an

Etwa 80 Flüchtlinge, darunter Jugendliche ohne Eltern, Familien und Frauen, steigen aus dem Budapest-Zug und schauen sich verängstigt um. Dass ihre Reise so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, hatten sie nicht erwartet. Die Polizei nimmt sie freundlich in Empfang, Punks mit Sicherheitsnadeln im Ohr klatschen. Samir jubelt, als die Neuen an ihm vorbeiziehen, auf Arabisch grüßt er mit "Salam", Frieden. Seinen Freund kann er nicht entdecken. "Macht nichts, bestimmt sitzt er im nächsten Zug. Oder im übernächsten oder dem danach." Dass ihn eine Grenze noch aufhalten könnte, scheint für Samir unvorstellbar.

In der Nacht wird noch ein Zug eintreffen. Bis zum Morgen haben rund 600 Flüchtlinge aus Budapest  diesen Weg nach München gefunden. Dass es die letzten waren, glauben weder die Helfer noch die Polizei. Sie bereiten sich schon auf die nächsten, ganz normalen, extremen Arbeitstage vor.