Machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, die zentralen Ideen des jüngsten EU-Flüchtlingsgipfels würden tatsächlich umgesetzt: Die EU-Außengrenzen werden schärfer gesichert. Flüchtlinge, die keine Aussicht auf Asyl haben, werden schneller abgeschoben. Die Türkei sagt zu, ihre Grenzen im Tausch für finanzielle Unterstützung und politische Aufwertung schärfer zu überwachen.

Was wird geschehen?

Die europäische Grenzschutzagentur schickt also ein starkes Aufgebot in die Ägäis, um Schleuserboote abzufangen. Türkische Schiffe patrouillieren entlang der Küste, damit sich viele Flüchtlinge erst gar nicht auf den Weg machen. Auf den griechischen Inseln Lesbos und Kos entstehen große Hotspot-Auffanglager, in denen deutsche, polnische und tschechische Beamte jene Flüchtlinge registrieren und sortieren, die doch noch durchgekommen sind.

Boote auf dem Schwarzen Meer

Die eine Million Syrer, die eine private Unterkunft gefunden hatte und der nun langsam das Geld ausgeht, zieht bereitwillig in jene Lager, in denen schon eine weitere Million ärmerer Landsleute lebt und wo das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR die Lebensmittelrationen massiv reduzieren musste. Die Iraker, Pakistaner, Afghanen, Bangladescher, die ebenfalls durch die Türkei nach Westen reisen wollten, schließen sich den Syrern an und suchen sich auch noch ein hübsches Plätzchen in diesen Lagern. Und Europa wendet sich endlich der Frage zu, wie man bis zum Frühjahr 2016 das Dublin-System so verändern kann, dass die Slowakei davor bewahrt wird, noch mehr als die schon beschlossenen 800 Quotenflüchtlinge aufnehmen zu müssen.

Irgendwann wird einer der europäischen Staats- und Regierungschefs seinen Badeurlaub an der endlosen türkischen Schwarzmeerküste verbringen. Von der Terrasse seines Ferienhauses aus wird er beobachten können, wie die Boote ablegen, die sich von dort auf die gefährliche Reise an die Küsten Bulgariens, Rumäniens und der Ukraine machen. Wenn es der Ministerpräsident aus Warschau sein sollte, wird er diese Menschen wiedertreffen, wenn sie durch jene Länder nach Polen gereist sind auf dem Weg ins reiche Europa. Vielleicht nehmen sie aber auch einen noch weiteren Umweg. In den arktischen Regionen zwischen Russland und Norwegen wurden Dutzende Fahrräder gesichtet, die Flüchtlinge nach dem Grenzübertritt zurückgelassen haben.

Geld muss man auch überweisen

Sie finden es zynisch, ein solches Szenario zu entwerfen? Mag sein. Aber es ist von der Realität nicht sehr viel weiter entfernt als die jüngsten Beschlüsse der Regierungschefs.

Denn das Kernproblem der EU ist gegenwärtig die Bräsigkeit vieler nationaler Regierungen. Sie ducken sich jedes Mal weg, wenn die Flüchtlingsfrage angesprochen wird. Deshalb dringen die Kommission und engagierte Mitgliedsstaaten gar nicht soweit vor, angemessene Antworten auf die Flüchtlingsfrage diskutieren zu können. Was schon schwer genug wäre, wenn alle Mitgliedsstaaten guten Willens wären.

Denn man kann ja fordern, es müsse verhindert werden, dass sich die Flüchtlinge auf die gefährliche Reise machen und dass man sie dort halten sollte, wo sie jetzt leben. Dann aber muss man jene auch ehrlich unterstützen, die am Ort helfen, den UNHCR also und die Treuhandfonds für Syrien und Afrika. Das heißt konkret: Geld nicht nur zusagen, sondern auch überweisen.

Man kann auch beschließen, die Flüchtlinge müssten dort gesammelt werden, wo sie zuerst in die EU kommen, um sie zu registrieren, ihren Status zu bewerten und sie anschließend  zu verteilen. Dann muss man aber auch über das Verteilen reden. Man muss Beamte schicken und Quoten für Asylbewerber akzeptieren.

Man kann schließlich vorschlagen, die Türkei zu unterstützen, damit die Menschen dort bleiben. Aber das kann nicht aus einer Haltung heraus geschehen, die letztlich sagt: Wir haben keine Lösung. Das überlassen wir jetzt Ankara. Vielmehr muss man sich vor Augen führen, welche Schwierigkeiten schon ein reiches Land wie Deutschland hat, bislang ein Viertel der türkischen Zahl an Flüchtlingen vernünftig zu versorgen. Damit klar wird, wie groß die Hilfe für die Türkei sein muss. Und man muss sich bewusst sein, wie prekär die Lage für Flüchtlinge werden kann in einem Land, das selbst Krieg führt und es mit den Menschenrechten nicht immer ganz genau nimmt.

Wer sich jedoch aufs wort- und beschlussreiche Nicht-Handeln verlegt, der liefert sich selbst und die europäischen Partner einer Dynamik aus, die immer weniger zu steuern sein wird. Menschen, die nach einem guten Leben suchen, warten nicht auf halbherzige Ratsbeschlüsse aus Brüssel. Sie gehen einfach los. Und je schwieriger ihre Aussichten in Ländern wie Schweden oder Deutschland werden, desto eher werden sie in die Nachbarländer ausweichen.