In der Flüchtlingskrise gibt es eine Ausrede, die viele Politiker gern benutzen: "Man muss jetzt endlich die Fluchtursachen bekämpfen!" Will sagen: Weit hinten in der Türkei oder noch weiter liegt das Problem. Wenn wir das lösen, wäre auch hier in Europa alles besser.

Wer in die Ferne zeigt, glaubt vielleicht, er kommt leichter über die Schwierigkeiten zu Hause hinweg: die offene und ungeschützte Außengrenze im Mittelmeer, die mangelnde Solidarität der Mitgliedsländer untereinander, die Unwucht von großzügigen Asylleistungen in Deutschland und krasser Ablehnung anderswo. Aber gerade deshalb ist es eine Ausrede. All unsere Probleme sind ja nicht erst entstanden, weil plötzlich mehr Flüchtlinge kommen als vorher. Sie wurden dadurch nur sichtbar.

Der Blick auf die Fluchtursachen lohnt nicht als Ausrede, sondern weil er uns lehrt, was noch auf uns zukommt. Es ist nämlich nicht so, dass die Ursachen mal eben mit mehr Engagement und Entwicklungshilfe beseitigt werden könnten oder dass sich die Verhältnisse langsam verbesserten. In allen Brandherden zwischen Nordafrika und Zentralasien verschlechtert sich die Lage.

Beispiel Afghanistan: Die Taliban konnten nach dem vorläufigen Ende westlicher Kampfeinsätze ihren Einfluss wieder ausweiten, die korrupten Politiker verlieren Rückhalt in der Bevölkerung. Beispiel Pakistan: Dort nehmen die Anschläge auf religiöse Minderheiten stark zu. Christen und Ismailiten sind ein bevorzugtes Ziel. Beispiel Jemen: Der erbitterte Kampf von Huthis und verbündeten Sunniten gegen Präsident Hadi und die Saudis hinter ihm entvölkert Städte und zerrüttet das Land.

In diesen Ländern haben westliche Staaten entweder interveniert oder mit Entwicklungshilfe, Beratern und günstigen Krediten versucht, stabile Strukturen aufzubauen. Das Einwirken von außen hat klare Grenzen, wie man sieht. Es kann aber auch furchtbare Folgen haben.

Nirgendwo wird das sichtbarer als in Syrien, dem Land, aus dem derzeit die meisten Flüchtlinge nach Europa kommen. Schon seit Jahren heizen der Iran, Saudi-Arabien und die Türkei mit entgegengesetzten Zielen die Entwicklung an. Russland lieferte dem Diktator Assad schwere Waffen. Die USA unterstützten Oppositionsgruppen mit "nicht tödlichem" Material.

Ein Stellvertreterkrieg der Großmächte

Zu Beginn der UN-Vollversammlung vor zwei Wochen keimte die Hoffnung auf, die Mächte würden einen Verhandlungsprozess einleiten. Doch dann kam die russische Intervention. Sie entfesselt nun die schlimmsten Kräfte des Krieges. Der Diktator Assad wittert Morgenluft und greift Oppositionskräfte und Zivilbevölkerung im Norden an, während die IS-Dschihadisten durchatmen dürfen. Die Russen bombardieren vor allem die syrischen Freunde von Saudis und Türken. Die Amerikaner reagieren darauf mit Waffenlieferungen an die Opposition. Ein Regionalkrieg weitet sich nun in Windeseile zu einem Stellvertreterkrieg der Großmächte aus. Die UN-Unterhändler stehen auf verlorenem Posten, weil kaum jemand ernsthaft mit ihnen reden will – weder die Opposition noch der von Russland wieder aufgeblasene Assad. Derweil packt die Zivilbevölkerung in den umkämpften Gebieten die Koffer.

Heißt das, dass alle Diplomatie sinnlos sei? Keineswegs. Es gibt gute Nachrichten. Siehe die neue Einheitsregierung im zerrissenen Libyen, die sich gerade aufgrund der unermüdlichen Vermittlung eines UN-Sonderbeauftragten bildet. Oder das Atomabkommen mit dem Iran. In dramatischen Verhandlungen mit allen Finten und Haken ist es den fünf Sicherheitsratsmächten und Deutschland gelungen, die potenziell gefährlichste zwischenstaatliche Krise in Nah- und Mittelost zu entschärfen. Wenn sich alle an das Abkommen halten, wird der Iran sein Atomprogramm unter internationale Kontrolle stellen und dafür die Sanktionen abschütteln.

Eine Lösung zu finden wird Jahre dauern

Wir brauchen mehr von diesen Beispielen. Am heutigen Freitagabend reist Außenminister Frank-Walter Steinmeier in den Iran, um auszuloten, ob sich das Klima des Kompromisses auch auf andere Konflikte übertragen lässt. Illusionen macht sich niemand. Die Lösung des Streits um das iranische Atomprogramm hat ein gutes Jahrzehnt gedauert. In solchen Dimensionen darf man wohl auch denken, wenn man an einer nachhaltigen Beruhigung des syrischen Krieges arbeitet.

Bis dahin aber haben die Europäer genügend Zeit, an den eigenen Unzulänglichkeiten im Umgang mit den Flüchtlingen zu arbeiten.