Frage: Herr Kujat, seit einer Woche wird um Kundus gekämpft – die Taliban haben die nordafghanische Großstadt im Nu erobert, ohne auf effektive Gegenwehr zu stoßen. War der internationale Einsatz vergeblich?

Harald Kujat: Die Mission ist gescheitert. Vor allem politisch, aber auch militärisch. Wir haben einen zerbrechlichen Staat hinterlassen. Die Zentralregierung in Kabul ist nicht in der Lage, Kontrolle über das gesamte Land auszuüben, die Korruption ist allgegenwärtig, der Drogenanbau boomt, Warlords haben enormen Einfluss – vieles ist politisch nicht in Ordnung gebracht worden. Das Land hat wirtschaftlich, sozial, politisch keine Perspektive.

Frage: Es fehlen die sicherheitspolitischen Voraussetzungen. Die hätte der Militäreinsatz bringen sollen ...

Kujat: Wir haben die Taliban nicht ausschalten können. Im Gegenteil, die Situation entwickelt sich heute deutlich zum Schlechteren. Wir wissen inzwischen, dass der "Islamische Staat" vor allem im Osten Afghanistans aktiv ist. Und ich bin überzeugt davon, dass weitere terroristische Organisationen einsickern werden.

Frage: Die Sicherheitsverantwortung sollte an die Afghanen übergeben werden, aber nicht bevor das Land stabilisiert ist. Unterdessen sind die internationalen Truppen weitgehend abgezogen. Haben wir uns etwas vorgemacht, vormachen lassen?

Kujat: Das Schlagwort der Politik lautete "selbsttragende Sicherheit". Aber die Taliban können kommen und gehen und angreifen, wann und wo sie wollen.

Frage: So wie jetzt in Kundus.

Kujat: Kundus ist besonders für uns Deutsche symbolisch aufgeladen, hier haben wir uns finanziell und moralisch engagiert, hier haben wir Leib und Leben eingesetzt. Was jetzt passiert, ist keine Überraschung – aber es ist ein Menetekel. Was in Kundus möglich ist, das kann an anderer Stelle genauso geschehen.

Frage: Was bedeutet der Fall von Kundus?

Kujat: Wir sehen, dass die afghanischen Streitkräfte nicht einmal in der Lage sind, einen Angriff auf eine 300.000-Einwohner-Stadt abzuwehren. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Dinge sich weiter verschlechtern und dass irgendwann, und zwar in nicht allzu ferner Zukunft, die Taliban die Macht übernehmen werden. Das ist ein Versagen, das dazu führt, dass die Bevölkerung sich denkt: Wir sind nicht sicher; unsere Polizei und Armee sind nicht in der Lage, uns zu beschützen. Viele werden sich auf den Weg machen raus aus Afghanistan – und viele andere werden sich auf die Seite der Taliban schlagen.