Die Bilder findet man schnell auf Facebook und Twitter: Junge Männer posieren mit Waffen oder halten die schwarze Fahne des "Islamischen Staates" in die Kamera. Hinter ihnen verstaubte Straßen, irgendwo in Syrien oder dem Irak. Die Männer haben oft noch Kindergesichter – und sie kommen oft aus europäischen Ländern

Hunderte sind in den vergangenen Jahren aus Deutschland in die Kampfgebiete nach Syrien und in den Irak gereist, um dort die IS-Terroristen zu unterstützen. 750 Ausreisen hat das Bundeskriminalamt gezählt, ein Großteil davon Männer. Sie lassen sich zu "heiligen Kriegern" ausbilden, lernen den Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Manche von ihnen kommen später zurück nach Hause, nach Deutschland.

Auch zwei Pariser Attentäter waren in Syrien

Welche Gefahr dann von ihnen ausgeht, ist nicht erst seit den Attentaten von Paris, an denen auch zwei französische Syrien-Rückkehrer beteiligt gewesen sein sollen, keine rein theoretische Frage mehr. Schon im Mai 2014 erschoss der Syrien-Rückkehrer Mehdi N. im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen.

Wie soll also Deutschland mit den Rückkehrern umgehen? Thomas Mücke plädiert für Sozialarbeit. "Wir dürfen diese Menschen nicht aufgeben, sonst stärken wir die Szene", warnt der Gründer des Berliner Violence Prevention Network, das in Berlin, Hessen, Bayern, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg unter anderem Programme zur Prävention und Deradikalisierung salafistischer Jugendlicher anbietet. Im Rahmen eines Aussteigerprogramms betreuen Mücke und seine Kollegen zurückgekehrte IS-Mitglieder aus Syrien und dem Irak. Sie sind einige der wenigen, die das tun. "Die Rückkehrer sind ein neues Thema, auf das zuerst niemand vorbereitet sein konnte", sagt Mücke.

Die Probleme beginnen schon damit, dass die deutschen Behörden nicht wirklich wissen, wie viele Rückkehrer es tatsächlich gibt und was diese in Syrien getan haben. Im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum tauschen zwar 40 Behörden von Bund und Ländern ihre Informationen aus, aber oft sind diese Informationen nur spärlich. Etwa ein Drittel der Ausgereisten soll mittlerweile wieder im Land sein, ungefähr 250 also.

Sicherheit, dass alle Rückkehrer erfasst wurden, gibt es nicht. Bei der Mehrheit derjenigen, von denen die Behörden überhaupt wissen, fehlen außerdem belastbare Informationen, dass sie in Syrien an Kampfhandlungen beteiligt waren, erklärt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes. Wie diese dann vom BKA überwacht werden, darüber geben die Behörden keine Auskunft.

Ermittelt wird nur gegen wenige

Nachgewiesen werden konnte bisher nur bei 70 Rückkehrern, dass sie in Syrien gekämpft haben. Dann folgen Strafermittlungen. So wie bei Kreshnik B., dem ersten Syrien-Rückkehrer, dem in Deutschland der Prozess gemacht wurde. Er kam in Haft.

Dort, in den Gefängnissen, treffen einige der Rückkehrer schließlich auf den Pädagogen Mücke und sein Team. Den Kontakt stellen die Behörden her. Es ist also nur ein sehr kleiner Teil der Rückkehrer, den das Violence Prevention Network überhaupt erreicht. Wie viele es genau sind, möchte oder kann Mücke nicht sagen. Er gibt sich überzeugt: "Diese Menschen sind erreichbar für uns." 

Es sei möglich, die meist jungen Männer zu reintegrieren, wirbt Mücke für seine eigene Arbeit. Geschichten von nachgeholten Schulabschlüssen und Ausbildungsplätzen erzählt er sehr gern. Sorge bereiten ihm in erster Linie die, die "moralisch verroht und stark ideologisiert" zurückkämen. "Die sind gefährlich", sagt Mücke. In Deutschland leben 420 Menschen von denen eine starke Bedrohung ausgeht, so das BKA. Nicht alle davon waren in den Kampfgebieten.

Der Verfassungsschutz stellte sein Programm ein

Mücke und andere kritisieren, dass es viel zu lange in den Gefängnissen keine Aussteigerprogramme für islamistische Extremisten gab und die Rückkehrer zu wenig betreut wurden. Das habe es ihnen erleichtert, neue Anhänger zu rekrutieren und so die Szene zu stärken und zu vergrößern. Ein flächendeckendes Resozialisierungsprogramm gibt es bis heute nicht. Das Aussteigerprogramm Hatif vom Bundesamt für Verfassungsschutz wurde im vergangenen Jahr eingestellt.

Der Tagesspiegel berichtete damals, das Programm sei nicht wegen Finanzierungsproblemen eingestellt worden, sondern weil sich zu wenige potenzielle Aussteiger gemeldet hatten. Die Zeitung wies auch auf einen Konstruktionsfehler des Programms hin: Schließlich sei der Verfassungsschutz ein Nachrichtendienst. Dass sich viele Aussteiger der Behörde anvertrauen würden, war von vornherein unwahrscheinlich. Der Verfassungsschutz selber veröffentlichte keine Zahlen.

Mücke und sein Team beraten auch die Politik in der Frage, wie mit den Aussteigern umgegangen werden soll. Er warnt: "Wir dürfen keine Chance ungenutzt lassen."