Der erste Anblick: Welch hoffnungslose Hinfälligkeit! Schmerzlich, ihn so zu sehen, diesen Mann, dem auch DIE ZEIT und ich selbst in meiner Einsicht in Politik und Verantwortung so vieles verdanken. Eine Stunde Besuch, die jeden Small Talk und jede pseudotröstliche Beschwichtigung ("Das wird wieder werden ...") kategorisch verbietet.

Wir kommen auf Bernhard Heisig zu sprechen, jenen der drei Maler der Leipziger Schule, den er sich als Porträtisten für sein amtliches Bild in der Galerie des Kanzleramtes gewählt hatte, eines der Bilder von ihm hängt unten in seinem Haus im Flur – eine Wahl, die damals, in den frühen achtziger Jahren, von ihm doch sicherlich als eine Beschwörung der Einheit der Nation gemeint gewesen war. Ein Nicken. Als ich ihm erzählte, dass Heisig uns bei einem Besuch die zentimeterdicke Stasiakte der paranoiden Überwachung der Porträtsitzungen im Atelier gezeigt hatte, huscht ein weises und spöttisches Lächeln über das müde Gesicht, als wollte er an den weiland schwedischen Reichskanzler Oxenstierna erinnern: Mein Sohn, du ahnst nicht, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird.

Ob er einen Blick in die jüngst erschienene Edition seines Briefwechsels mit Willy Brandt werfen konnte? "Damit können die nichts anfangen, die uns beide nicht erlebt haben." Weshalb Willy Brandt, dieser große Ostpolitiker, auf dem SPD-Parteitag 1983 sich letztlich so geirrt habe, als er mit der überwältigenden Mehrheit gegen Schmidts Politik des Nato-Doppelbeschlusses stimmte und den vormaligen Kanzler im Stich ließ? "Er fürchtete wohl um sein Erbe. Ich war mir aber innerlich sicher, dass die Sowjetunion am Ende nachgeben würde, weil sie nachgeben musste." Ob Brandt ihm je bestätigt habe, dass er, Schmidt, recht hatte? "Später machte er mir einmal eine Bemerkung, die so zu verstehen war. Und schließlich, am Ende, war unsere Versöhnung echt und tief empfunden."

Helmut Schmidt hatte immer wieder berichtet, wie wichtig ihm schon seit den Kriegsjahren Marc Aurels Selbstbetrachtungen in kritischen Situationen gewesen waren. Ob er jetzt noch gelegentlich in dieses Büchlein schaue? Geradezu heftig verneint er, als sei ihm der stoische Zwang des Römers zur Selbstdisziplinierung heute am Ende der Wegstrecke in all seiner wehrlosen Schwäche eine schwer erträgliche Zumutung – Stoff nur für starke, harte Männer. Sein Blick geht zurück in die Familiengeschichte, auf den Vater, der stets Respektsperson und nur das gewesen sei, der sich alles hart erarbeiten musste. Nur ein einziges Mal habe es ein Gespräch über persönliche Fragen gegeben. "Aber ist es nicht unanständig, so über Eltern zu klagen?" Fast möchte man fragen, ob er sich auch selbst vorwirft, von dieser Härte nicht frei gewesen zu sein.

Da sitzt man nun vor dem Schatten eines Mannes, hinter dem sich das Licht eines Politikers senkt, der seinem Land so oft und so mutig in schwierigen Situationen gedient hat. Die RAF? Er reagiert auf die Frage mehr ratlos als zornig: "Ich weiß bis heute nicht, was in deren Köpfen vor sich ging."

Mit einem Mal sagt er, er könne gut verstehen, dass es Situationen gibt, in denen Menschen ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Darüber mag man an anderer Stelle philosophisch diskutieren, doch was sagt man in dieser Lage? Doch nicht bloß: "Ja, ja!", noch darf man moralisierend protestieren. Ausweichen vor dem Thema geht auch nicht. Ich erinnere ihn also an seinen Freund, den Theologen Hans Küng, der zusammen mit Walter Jens kräftig für die aktive Sterbehilfe geworben hat, dass aber Walter Jens, hinfällig und dement geworden, immer wieder den einen Satz gesprochen hat: "Nicht totmachen!" Wir haben das Thema schnell wieder verlassen. Dass Helmut Schmidt die Verfolgung von derlei Gedanken nun erspart blieb, ist für sich genommen eine Gnade.


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