Schon 2014 befanden sich beinahe 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – so viele wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Und seit etlichen Wochen herrscht der Eindruck vor, dass Europa, und vor allem Deutschland, im Zentrum der massiven Flüchtlingsbewegung steht. Die zum Teil sehr emotionsgeladenen Bilder der Flüchtlingskrise von den Camps in Calais, den Bahnhöfen in Budapest und München oder der Küste von Kos suggerieren, dass Europa diesen Ansturm kaum noch bewältigen kann. Gleichzeitig wird der Ruf immer lauter, Fluchtursachen zu bekämpfen. Stehen Deutschland und Europa wirklich im Zentrum der weltweiten Flüchtlingskrise? Was sind neben Kriegen die Kernursachen für die aktuelle Flüchtlingskrise? Was sollten Deutschland und seine europäischen Nachbarn tun, um den Ursachen von Flucht und Vertreibung entgegenzuwirken?

Die Flüchtlingskrise ist weitgehend nicht europäisch

Nur ein Drittel der genannten 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind im völkerrechtlichen Sinne Flüchtlinge, also Menschen, die aufgrund von politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung oder Krieg ihre Heimatländer verlassen mussten. Ein Großteil dieser knapp 20 Millionen Menschen flieht in Nachbarländer. 38 Millionen Menschen verlassen bei der Flucht noch nicht einmal die Grenzen ihres Herkunftslandes – sie gelten als sogenannte Binnenflüchtlinge. Global betrachtet bewegen sich heute 86 Prozent der Flüchtlinge innerhalb von oder zwischen Entwicklungsländern. Vor zehn Jahren waren es lediglich 70 Prozent. Der Anteil der Menschen auf der Flucht, die als Ziel den globalen Norden haben, ist also sogar kleiner geworden.

In den Mitgliedstaaten der Europäischen Union hielten sich Ende 2014 mit rund 626.000 Asylbewerbern im globalen Vergleich nur wenige Flüchtlinge auf. Zwar war die Zahl der Asylsuchenden in der EU schon von 2013 auf 2014 um beinahe 50 Prozent angestiegen, und auch die Zahl der Personen mit noch nicht entschiedenen Asylanträgen im ersten Halbjahr 2015 stieg in der EU um mehr als 20 Prozent. Dieser Anstieg wird aber durch eine EU-Gesamteinwohnerzahl von etwa einer halben Milliarde Menschen sowie eine legale Zuwanderungsrate in die EU-Länder von etwa 2,5 Millionen Menschen jährlich deutlich relativiert.

Unter den zehn Ländern, die weltweit die meisten Flüchtlinge aufnehmen, befindet sich kein einziges in der EU. Die Türkei, Pakistan, der Libanon, Äthiopien oder Jordanien haben zum Teil weit über eine Million Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Um die Tragweite dieser Zahlen zu verstehen, ist das Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerung entscheidend: Im Libanon etwa kommt mittlerweile auf vier libanesische Staatsbürger ein Flüchtling. In Deutschland, wo schon 2014 etwa ein Drittel aller EU-Asylanträge gestellt wurden, lag dieses Verhältnis Ende vergangenen Jahres bei etwa 178 zu 1.

Wenn man Flüchtlinge und Binnenflüchtlinge zusammen betrachtet, so machen Staatsbürger aus Syrien, Kolumbien, dem Irak, Sudan, Afghanistan und der Demokratischen Republik Kongo mehr als die Hälfte der weltweit Fliehenden aus. In Europa haben 2014 und 2015 neben Menschen aus den Konfliktländern Syrien oder Afghanistan auch viele Bürger aus Westbalkanländern einen Erstantrag auf Asyl in EU-Ländern gestellt. In den ersten drei Monaten des Jahres 2015 kam rund ein Viertel aller Erstantragstellenden in der EU aus dem Kosovo. 90 Prozent dieser Anträge wurden in Deutschland oder Ungarn gestellt.

Die Ursachen der Krise sind höchst komplex

Bewaffnete Konflikte sind eine wesentliche Ursache der aktuellen Flüchtlingskrise. Obwohl vereinzelte Stimmen in den Medien oder aus der Politik suggerieren, dass wahlweise die Nahostpolitik der USA, die Entwicklungspolitik der westlichen Länder oder die Agrarsubventionspolitik der EU die eigentlichen Ursachen vieler Konflikte sind, machen es sich solche Sichtweisen zu einfach. Europäische Agrarsubventionen etwa sind in der Tat alles andere als entwicklungsfördernd. Doch die Konflikte in Syrien oder Afghanistan sind auf komplexe Verkettungen historischer, politischer, ethnischer, ökonomischer und sozialer Faktoren zurückzuführen. Neben bewaffneten Konflikten sind aber auch politische Instabilität, staatliche Repression, (wirtschaftliche) Perspektivlosigkeit, Ernährungsunsicherheit oder Naturkatastrophen und Umweltwandel Ursachen für Flucht.

Allerdings gilt auch hier, dass selten einer dieser Faktoren allein Flüchtlingsströme verursacht. Vielmehr fliehen Menschen häufig wegen einer Kombination verschiedener Ursachen. Auch die oft geäußerte Warnung, dass der Klimawandel schon sehr bald Flüchtlingsbewegungen nach Europa massiv verschärfen wird, ist mit Vorsicht zu genießen. Der Anteil von Flüchtlingen an dem von Naturkatastrophen betroffenen Teil der Weltbevölkerung ist eher gering. Von den im Jahr 2011 etwa 210 Millionen von Naturkatastrophen betroffenen Menschen weltweit galten nur sieben Prozent (also etwa 15 Millionen) als Flüchtlinge. Ein Großteil dieser 15 Millionen Menschen konnte aber bereits nach kurzer Zeit wieder in seine Heimat zurückkehren.

Geld statt Zäune

Wenn wir nur etwas über den Tellerrand hinaus blicken, ist die Flüchtlingskrise in erster Linie eine Krise des globalen Südens und keine europäische. Deshalb sind verschärfte Grenzkontrollen kein Beitrag für eine Lösung dieser Krise, denn sie befeuern allenfalls das Geschäft der Schleuser und führen zu veränderten und gefährlicheren Fluchtrouten. Eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen innerhalb Europas, die einherginge mit einer Anpassung des im Prinzip schon überholten Dublin-Verfahrens, wäre nur ein Anfang. Wichtiger ist, dass die EU nun auch ihr außen- und entwicklungspolitisches Engagement erhöht, um nicht den USA, Russland oder den jeweiligen Regionalmächten hinterherzulaufen bei Versuchen, Konflikte wie den in Syrien einzudämmen. Wenn Europa einen elementaren Beitrag zur Bewältigung der schlimmsten Auswirkungen der Krise leisten will, dann muss dies vor allem dort geschehen, wo sich die meisten Flüchtlinge aufhalten: in Ländern wie der Türkei, dem Libanon oder Jordanien.

Ein positives Zeichen war in diesem Zusammenhang das Versprechen der EU sowie der G-7-Staaten, ihre Mittel für die Unterstützung der syrischen Flüchtlinge um 1 Milliarde Euro beziehungsweise 1,7 Milliarden Euro aufzustocken. Allerdings ist Europa auch mitverantwortlich für die deutlichen Finanzierungslücken bei der Unterstützung von Flüchtlingen in der Region, die Anfang September zur Einstellung der Lebensmittelhilfe durch das Welternährungsprogramm für Flüchtlinge in mehreren Ländern führte.

Die Hilfsorganisation Oxfam kommt zum Schluss, dass etliche europäische Länder nur die Hälfte ihrer Fair Shares, also eines der jeweiligen Größe der Volkswirtschaft angemessenen Beitrags, für die Unterstützung der Syrien-Flüchtlinge ausgeben. Dies betrifft insbesondere osteuropäische Länder wie Polen und die Slowakei. Gleiches gilt für die Überweisungen an das Flüchtlingshilfswerk UNHCR: Obwohl die EU und ihre Mitgliedstaaten insgesamt etwa ein Drittel des Budgets finanzieren, sind die Zahlungen einiger europäischer Länder geradezu lächerlich gering. Zypern etwa bezahlt hier pro Jahr gerade etwas mehr als 10.000 Euro.

Auch die Entwicklungspolitik ist gefragt. Sie kann nur einen kleinen Beitrag zur Linderung der aktuellen Krise leisten, bei der Bekämpfung der Fluchtursachen von morgen ist sie umso wichtiger. So muss Europa langfristig auch seine Anstrengungen in Entwicklungsländern intensivieren, um zum Beispiel den (Wieder-)Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen oder zivile Konfliktprävention zu unterstützen. Deutschland würde schon bald 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Entwicklungshilfe ausgegeben, hat Angela Merkel beim UN-Nachhaltigkeitsgipfel angekündigt. Das Erreichen dieses uralten Ziels, das seit Jahrzehnten unerfüllt bleibt, sollte als wichtiges Signal in dieser Hinsicht bewertet werden.

Die Flüchtlingszahlen in Deutschland seien mit denen im Libanon kaum vergleichbar, sagte Vizekanzler Sigmar Gabriel während einer Rede beim Tag der Deutschen Industrie, wie dieses Video zeigt: