Eine Freundin aus Wien hatte kürzlich eine beunruhigende Begegnung. Beim Einkaufen sprach sie, die als Muslimin selbst ein Kopftuch trägt, eine Muslimin an. Die junge Frau berichtete von Freundinnen, die schon ihr Kopftuch abgenommen hätten, um auf der Straße nicht als Muslime erkannt und angefeindet zu werden. Einige würden sich stattdessen eine Haube aufsetzen, wenn sie nach draußen gingen. Sie fürchte jetzt zwei Dinge, sagte die Frau noch: den Terror. Und, für den Terror verantwortlich gemacht zu werden.

Ihre Sorge ist berechtigt. Denn von den Attentätern des "Islamischen Staates" (IS) wird schnell – bewusst oder unbewusst – nicht nur auf die Flüchtlinge aus Syrien oder Irak übergeleitet, sondern auch auf jene Muslime, die schon lange in Europa leben. Das geschieht dann, wenn in medialen Debatten das vom IS verbreitete Diktum wiederholt wird: Der Terror sei Ausdruck eines Kriegs der Zivilisationen. Oder auch: des Kampfs des Islams gegen den Westen.

Die Konfliktlinie scheint in vielen Debatten klar: Sie, die anderen, attackieren uns, weil wir Alkohol trinken, Partys feiern und Fußball schauen. Sie greifen nicht nur uns an, sondern unsere westliche Lebensweise. Sie hassen uns, weil wir all die Dinge tun, die sie als Sünde erachten. Wer sie, diese anderen, genau sind, wird oft nicht klar benannt.

Solche diskursiven Verkürzungen gibt es auch auf der Gegenseite. Schnell warnten Kommentatoren vor einer Spaltung der Gesellschaft, wie sie der IS ja anvisiert. Rufe danach, "die Muslime" in "unserer Gesellschaft" einzubinden, wurden laut. In Paris postierte sich ein Muslim auf dem Place de la République, vor ihm stand auf einem Schild: "Ich vertraue dir, vertraust du mir auch? Wenn ja, umarme mich." Dutzende Passanten nahmen ihn in den Arm, viele hatten Tränen in den Augen.

Sicher: Diese Gesten sind wichtig. Nur bleiben sie dann wirkungslos, wenn sie nicht auch das ihnen zugrunde liegende Denkmuster aufbrechen. Jenes nämlich, dass sich da zwei unverrückbare Weltsichten gegenüber stehen: die extremistischen Ansichten des Islam und die Freizügigkeit der westlichen Demokratie. Diese Dualität stützt nicht nur das vom IS verbreitete Weltbild. Sie steht vor allem einem echten Dialog im Weg.

Klar ist: Wir müssen miteinander reden. Doch das auch bitte richtig. Dafür müssen wir uns von Ballast befreien, der den Austausch erschwert. Kategorisierungen etwa, die gern reproduziert werden, ohne dass jemand nach deren Sinnhaftigkeit fragt. Es gibt nicht "den Westen", oder "die Arabische Welt", auch nicht "die Flüchtlinge", oder eben: "die Muslime".

Diese äußerlichen Zuschreibungen schaffen vermeintliche Vereinfachungen dort, wo Differenzierung angebracht wäre. Sie vermitteln eine falsch verstandene Homogenität, die Ausschluss fördert. So wenig, wie sich die Europäer als gesichtslose Gruppe definieren lassen wollen, so wenig wollen das auch andere. So wie wir nach Abgrenzung streben, in der Wahl von Hobbys, Kleidung, Lebensstil, Beruf, sozialem Engagement, so sehr tun das – natürlich – auch Muslime.

Da gibt es die ägyptische Studentin Heba, die einen Hijab trägt und jeden Freitag mit Freunden durch die Kairoer Innenstadt joggt, um sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. Da gibt es die Anhängerin der Muslimbrüder, die an der Universität lehrt, Kampfsport betreibt und Jugendlichen erklärt, dass der Islam Gewalt untersagt.

Da gibt es Baschar in Beirut, der Filme über Homosexualität dreht, Wodka trinkt und im Klub Elektro-Platten auflegt. Da ist Mostafa in Ramallah, der in seinen Rapsongs über Liebeskummer philosophiert, oder Rim in Tunis, die seit der Revolution eine Kampagne zur Aufarbeitung der Ben-Ali-Herrschaft leitet. Radikal ist von ihnen niemand.