Soeben ist das Buch "Neue Anschrift Bosporus. Wie wir versuchten, in Istanbul heimisch zu werden" von Susanne Landwehr und Michael Thumann erschienen. Der langjährige ZEIT-Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten und seine Frau schreiben darin über ihren Versuch, sich in einer türkischen Mittelklassegegend in der Metropole Istanbul anzupassen. Sie erzählen vom aufregenden und amüsanten Alltag mit zwei kleinen Kindern in Istanbul, von den Abgründen der spätosmanischen Bürokratie, dem Atatürk-Kult in den Schulen, einschneidenden Überraschungen beim türkischen Friseur und der Kunst, beim Hupen den richtigen Ton zu treffen. Was sie in Istanbul lernten, war Achtung vor den Mühen der Integration, auch vor jener der türkischstämmigen Deutschen. Es gehört zu den schwersten Übungen im Leben, stellten sie fest, sich als erwachsener Mensch noch einmal alles von vorn anzueignen. In sechs Jahren am Bosporus lernten sie Istanbul und die türkische Kultur lieben – und scheiterten doch an der Integration. Wir präsentieren einen Auszug aus dem Buch:

Noch einmal der Blick von unserem Hügel auf den Bosporus, ein letztes Mal. Noch einmal der Gang entlang der Uferpromenade. Rechts von uns ein tiefgrüner Tanker, der Richtung Schwarzes Meer dampft, links die Angler, die in den Strudeln der starken Strömung vor Arnavutköy fischen. Große, weiße Wolken stehen über der Burg von Rumeli Hisarı, die Mehmet der Eroberer hat bauen lassen, bevor er Konstantinopel einnahm. Man möchte sie mitnehmen, diese einzigartige Aussicht, man will sie ewig atmen, die feuchte Seeluft dieser Stadt. Ihr Abbild hat sich uns eingebrannt ins Hirn, ihr Geruch unsere Nasen betäubt.


Auf dem Weg zum Flughafen schwiegen wir. Wir standen unter Adrenalin und Schmerz zugleich. Wir dachten an die Freunde, die wir zurückließen. Warum waren wir nicht einfach geblieben? Der erste und simpelste Grund war, dass der ZEIT-Verlag Michael nach Deutschland zurückholte. Aber wir hätten uns natürlich darüber hinwegsetzen, bleiben und einen anderen Arbeitgeber suchen können. Andere hatten das auch gemacht und blieben am Bosporus. Der wichtigere Grund war, dass wir die Integration nicht geschafft haben. Dass unsere Anpassung im Alltag oft an ganz kleinen Dingen scheiterte. Wir kamen den Istanbulern näher, aber meist nicht nah. Wir waren oft dabei, aber nicht richtig mittendrin. Das fing mit der Sprache an. Sie war eine unserer größten Hürden. Wer sich wirklich integrieren will, muss die Sprache sehr gut beherrschen. Das taten wir nur in beschränktem Maß, weil wir neben Job und Kindern zu wenig Zeit zum nachhaltigen Lernen hatten und mit den gebildeten Türken viel zu oft ins Englische, Französische oder Deutsche ausweichen konnten. Wir blieben "die Deutschen", so, wie viele nach Deutschland eingewanderte Türken der ersten oder zweiten Generation "die Türken" bleiben. Unseren Kindern fiel es bezeichnenderweise leichter, sich an ihre Umgebung anzupassen: Fehlerfreie Sprache war in ihrem Alter weniger wichtig als Spielsachen, das Vorleben spielte keine Rolle. Auch unsere Arbeit war mitunter ein Hindernis. Als Journalist nähert man sich den interviewten Menschen schneller an als in vielen anderen Berufen. Man kann in der Sache persönliche Fragen stellen. Aber wenn man wirklich näher kommen möchte, stößt man an eine Grenze. Journalisten beobachten, beschreiben und berichten. Die anderen spüren das, es bleibt eine aus Vorsicht geborene Distanz.

Dabei ist die Willkommenskultur in der Türkei wahrlich eine Kultur. Das fängt mit den grandiosen Begrüßungen und den intensiven Fragen nach dem Befinden an. Und es geht mit den warmen Gesten und dem Servieren von Getränken und Essen weiter. Der deutsch-türkische Schriftsteller Zafer Senocak schrieb einmal über Deutschland, dass die viel beschworene Willkommenskultur "keine emotionale Basis" habe. In der Türkei ist sie hingegen sehr emotional, aber nicht konsequent bis zum Ende geführt. Die Offenheit für Dritte und Außenstehende endet vor der Burgmauer der stärksten türkischen Bastion – der Familie. Durch sie integrieren sich Türken und ihre Kinder am leichtesten in ihre Gesellschaft. Wir aber kamen mit unseren Kindern oft nur bis zur Haustür, wurden von der gerade überraschend eintreffenden Tante zweiten Grades überholt und verabschiedeten uns wieder, während sie hineinging. Das war ihre Familie – während unsere Familie eben in Deutschland war. Ausnahmen waren unsere engen Freunde, deren Tür stets offen stand.

Michael Thumann war jahrelang als Auslandskorrespondent der ZEIT in Istanbul © Nicole Sturz

Ein weiteres Integrationshindernis erinnert uns an Deutschland. Viele Türken sehen Zuwanderer eher als Gäste und nicht als Menschen, mit denen sie künftig ihr Land teilen könnten. Obwohl die Türkei viele Menschen aufgenommen hat – Bosporus-Deutsche im 19. Jahrhundert, politische Exilanten aus Nazideutschland in den 1930er Jahren und heute Hunderttausende von Syrern – bleiben die Zuwanderer meistens in ihren Gemeinschaften. Sie gelten als "andere". Darin waren sich Deutschland und die Türkei lange Zeit ähnlich, auch wenn sich die Einstellungen in beiden Ländern heute verändern.

Ein Hindernis, uns in Istanbul zu Hause zu fühlen, wuchs mit der Zeit. Es waren die polarisierten Debatten in der Gesellschaft, die zunehmende Feindschaft der Türken untereinander. Erst ging sie von den Säkularen und Kemalisten aus. Säkulare Eliten fürchteten die Konkurrenz der aufsteigenden gläubigen Mittelklasse, sie verabscheuten den Anblick von Kopftüchern in den ehemals kopftuchfreien schicken Vierteln der Stadt. Und sie hassten Ministerpräsident Erdoğan, unter dem die Gläubigen einen besseren Platz im öffentlichen Leben erhielten. Wir taten uns schwer, mit so viel Abneigung, ja Hass in der Gesellschaft zurechtzukommen. Doch dann antwortete der Gehasste mit noch viel mehr Hass und verfolgte seine Gegner rigoros. Erdoğan wurde ab 2011 zunehmend autoritärer. Die Polizeigesetze wurden verschärft, die Justiz gleichgeschaltet. Immer mehr Internetseiten wurden gesperrt. Mit uns befreundete Journalisten verloren ihre Jobs. Gegen manche von ihnen wurde eine regelrechte Hexenjagd entfesselt. Dagegen brachten das staatliche Fernsehen und Radio von früh bis spät Erdoğan-Reden. Der Präsident beleidigte seine Gegner in langen Tiraden. In einer Rede teilte er besonders heftig aus, um dann innezuhalten und seine Zuhörer zu attackieren: "Warum zwingt ihr mich, solche Sachen zu sagen?!" Dem Mann war kaum noch zu helfen.