Das letzte Mal fingen sie ihn im Mai 2012. Eines Nachts standen sie vor der Haustür der Freunde, bei denen sich Firas al-Schater in Damaskus versteckt hatte. Neun Monate hielten sie ihn in einer beengten Gefängniszelle fest. Die Milizen folterten al-Schater mit Elektroschocks, weil der Filmemacher gegen Baschar al-Assad demonstriert hatte. Nach seiner Freilassung floh er nach Berlin, um an einem Film über die syrische Revolution zu arbeiten. Die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Denn er vermutet, dass seine einstigen Peiniger längst in seiner Nähe sind. Und deshalb möchte er etwas tun.

Viel wird über radikalisierte Rückkehrer gesprochen, darüber, dass mit den vielen Flüchtlingen auch einige nach Europa kommen könnten, die islamistischen Extremisten nahe stehen. Doch neben der Sorge vor Dschihadisten unter den Flüchtlingen gibt es eine weitere Furcht – vor den Schabiha, Assads Schergen. Viele Exil-Syrer, die Assad entweder mäßig kritisieren oder auch als erbitterten Feind ansehen, sind sich sicher: Die Schabiha sind schon in Deutschland. Beweise gibt es keine. Aber unwahrscheinlich wäre es nicht.

Laut Experten haben sich nämlich nicht nur desertierte Soldaten aus Assads offizieller Armee ins Ausland abgesetzt – über sie weiß man fast nichts. Auch kommen scheinbar immer mehr geheime Folterknechte Assads mit dem Flüchtlingsandrang nach Europa. "Die Milizen verlassen das sinkende Schiff", sagt Khaled Yacoub Oweis, der derzeit bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu Syrien forscht. "Auch wenn sie Assad unterstützen, haben sie in Syrien nichts mehr zu gewinnen." Einige Tausend Schabiha sollen mittlerweile in Europa leben, in Deutschland sollen es Hunderte sein, genaue Zahlen kennt niemand.

Gewehr in der Hand, Leichen zu ihren Füßen

Die sogenannte Schabiha-Miliz ist in Syriens Bevölkerung zutiefst gefürchtet. Die Schabiha, deren Name sich vom arabischen Wort schabah (Gespenst) ableitet, sind die Hilfstruppen Assads, junge, gewaltverliebte Männer in schwarzer Kluft und mit kahlgeschorenen Köpfen. Angeführt von Assads Cousins sollen "die Gespenster" für viele der brutalsten Verbrechen im Krieg verantwortlich sein: Plünderung, Vergewaltigung, Folter, Mord. 

Die Schläger, Schmuggler und Ex-Geheimdienstler sind die geheimen  Kämpfer des Regimes. Offiziell operieren sie außerhalb von Assads Armee. Tatsächlich aber dient ihr Terror gegen das Volk auch Assads Machterhalt. Laut einer Studie des Syrischen Zentrums für Statistik und Forschung (CSR) sollen Assads Soldaten und Milizen seit Beginn des Krieges insgesamt 25-mal mehr Zivilisten getötet haben als der IS.

"Die Schabiha sind verantwortlich dafür, dass Millionen Menschen fliehen mussten", sagt Firas al-Schater. "Sie müssen bestraft werden." Deshalb durchforstet er Blogs und Facebook; er sucht nach Kämpfern, von denen er glaubt, dass sie sich nun in Deutschland aufhalten. Über die Facebook-Gruppe Criminals, not refugees erhält er die meisten Informationen zu den Milizen. Dort posten Syrer, die in Europa leben, Bilder von mutmaßlichen Kämpfern, ihre Namen und aktuellen Aufenthaltsorte.

Man sieht Männer in Siegerpose vor Häuserruinen, Panzern oder Assad-Postern, mit einem Gewehr in der Hand oder Leichen zu ihren Füßen. Daneben Fotos, die angeblich dieselben Männer in ihren neuen Leben zeigen: lächelnd in einem Café oder vor dem Brandenburger Tor. Für diejenigen, die unter Lebensgefahr geflohen seien, wäre es ein Schock, die Verbrecher in Europa wieder zu treffen, sagt al-Schater. Wenn jemand einen der Männer auf den Fotos identifizieren könne, solle er ihn den Behörden melden.

Auch bei der Syrischen Nationalen Koalition, dem 2012 gegründeten Oppositionsbündnis, melden sich täglich Syrer aus ganz Deutschland, die Schabiha-Kämpfer wiedererkannt haben wollen. "Sie stehen in den Flüchtlingsheimen plötzlich ihren einstigen Folterern gegenüber", sagt Bassam Abdullah, der Berliner Botschafter der Koalition. "Viele Syrer sind enorm beunruhigt." Einige berichteten aus den Heimen, wie junge Männer aufsprängen und Assad huldigten. Wie sie die Flüchtlinge anbrüllten, warum sie gegen das Regime gekämpft hätten. Wie sich einige mit ihren Taten in Syrien brüsteten.