Noch vor einer Woche, nach dem ersten Wahlgang der französischen Regionalwahlen, wackelte die Erde. Überall lag der rechtsextremistische Front National vorn. Sahen die Medien Marine Le Pen auf dem Weg zur Macht. Und jetzt, eine Woche später, nach dem zweiten Wahlgang? Ist alles ganz ruhig. Selten verlief ein französischer Wahlabend so friedlich, denn die Dämme hielten. In keiner einzigen von 13 Regionen konnte der Front National gewinnen. Stattdessen teilten sich die üblichen Verdächtigen den Braten. Die regierenden Sozialisten gewannen je nach Hochrechnung vier bis fünf Regionen, die konservative Opposition sieben bis acht. Da sowohl die Region Paris als auch die Region Lyon von den Sozialisten an die oppositionellen Republikaner fielen, waren Letztere schließlich die erwarteten Wahlsieger.

Damit werden die meisten in Europa das Thema Frankreich, wie schon so oft zuvor nach Stimmengewinnen des FN, abhaken und zur Tagesordnung übergehen. Der Front National? Doch nur ein Protestverein, der schon aufgrund des französischen Mehrheitswahlrechts am Ende null Chancen hat.

Aber so ist es nicht mehr. Denn der rechtsextreme Pegel in Frankreich steigt und steigt. Nicht mit einer Flutwelle, nicht so sehr als Folge großer Ereignisse wie der Pariser Attentate, sondern regelmäßig, voraussehbar, von Wahl zu Wahl. Mit den Zahlen der Arbeitslosenstatistik. Irgendwann aber könnte das Fass überlaufen. Dann wäre es zu spät. Dann hätte der Front National das französische Mehrheitswahlrecht gekapert und könnte, was ihm bisher zu seinem Nachteil gerät, zu seinem Vorteil nutzen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2017 wird das mit einiger Sicherheit noch nicht der Fall sein. Denn der zweite Wahlgang der Regionalwahlen zeigte, dass, wenn der FN allein antreten muss, wie im entscheidenden Wahlgang einer Präsidentschaftswahl, er das Rennen noch nicht gewinnen kann.

Aber dennoch kamen die Rechtsextremisten auch bei diesen Wahlen voran. In absoluten Wählerzahlen stimmten nie mehr Franzosen für den FN als gestern Abend, über 6,2 Millionen, nachdem 85 Prozent der Stimmen ausgezählt waren. Bei knapp 60 Prozent Wahlbeteiligung. Damit wurden wahrscheinlich die 6,4 Millionen Stimmen von Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012 übertroffen, als die Wahlbeteiligung bei über 80 Prozent lag. Zudem zog der FN in vielen Regionen als stärkste Opposition in die Regionalparlamente ein. Währenddessen rückten Sozialisten und Konservative aufgrund ihrer gemeinsamen Ablehnung des FN spürbar zusammen. Zum Teil zogen die Sozialisten ihre Listen zurück, um den Konservativen den Sieg gegen den FN zu ermöglichen. Gerade das aber stärkte Marine Le Pens Anspruch am Abend ihrer Wahlniederlage, die "erste Oppositionspartei Frankreichs zu sein". So nämlich fiel ihr das Verlieren leicht. War der FN nicht eben noch eine Außenseiterpartei?

Es wäre alles nicht so schlimm, wenn zum Ausgang der Regionalwahlen irgendwo erkenntlich gewesen wäre, welche Schlussfolgerungen die alten Parteien aus ihrer historischen Wahlniederlage, jenem Erdbeben von vor einer Woche, gezogen hätten, als der FN landesweit die stärkste Partei war. Irgendeine neue Reform, die man jetzt erst recht umsetzen wollte? Einen Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der jetzt endlich durchgezogen würde? Eine Idee für Europa, der man eine neue Chance gäbe? Doch nichts dergleichen, weder rechts noch links, stattdessen nur Klagen und Entrüstung über den FN.

Das reicht aber nicht. So wird der FN weiter wachsen. Nicht nur Frankreich, ganz Europa muss das begreifen.

Der erste Wahlgang dieser Regionalwahlen war ein Aufwecker, der zweite Wahlgang ein Schlafmittel. Und zwar so sehr, dass man jetzt Angst haben musste, alles ginge weiter wie vorher. Dann aber wäre der FN am Ende doch wieder der Sieger.