So unterschiedlich die Sieger der europäischen Wahlen des vergangenen Jahres, so ewig gleich die Verlierer: die gemäßigten Linken des Kontinents. Insgesamt zwölf Mal wurden Europas Bürger im vergangenen Jahr an die nationalen Wahlurnen gerufen. Von National- und Ständeratswahlen in der Schweiz über Unterhauswahlen in Großbritannien bis zur Präsidentschaftswahl in Kroatien.

Die Bilanz dieser Urnengänge zwischen Nordkapp und Gibraltar ist so eindeutig wie für die gemäßigte Linke bitter: In Andorra und Estland, Großbritannien, Finnland und Polen, in Portugal, der Schweiz, bei den niederländischen Regionalwahlen und natürlich in der Türkei hieß es in einem für die linke Seele erbarmungslosen Stakkato fast ausnahmslos: Rechts triumphiert. Lediglich in Teilen Südeuropas wuchsen die Populisten von Linksaußen – ebenfalls auf Kosten der linken Mitte.

Sicher, vereinzelt konnten Mitte-links-Parteien Achtungserfolge für sich verbuchen. In Dänemark etwa wurden im Juni die Sozialdemokraten stärkste Partei. Doch auch sie erhielten gerade einmal 26 Prozent der Stimmen. Für die Regierungsverantwortung reichte es damit nicht. In Portugal dagegen schaffte es die gemäßigte Linke in einer breiten Koalition aus Kommunisten, Grünen und anderen Linksparteien unter António Costa zwar an die Macht. Die meisten Sitze im Parlament konnte zuvor jedoch der Mitte-rechts-Block von Pedro Passos für sich gewinnen. Und in Spanien kassierte die sozialdemokratische PSOE Anfang der Woche das schlechteste Ergebnis seit dem Ende der Franco-Diktatur.

Europa wird von Konservativen regiert

Im Resultat wird Europa heute von den Konservativen regiert. In 26 europäischen Staaten regiert die Rechte. Dem stehen 13 links geführte Regierungen gegenüber. Besonders schmerzhaft für die linke Mitte: Selbst in ihren traditionellen Kernländern, den nordischen Staaten, geben die Konservativen den Ton an. In Finnland, Norwegen, Dänemark und sogar in Island führen sie die Regierungsgeschäfte.

Lediglich in Schweden steht Ministerpräsident Stefan Löfven einer linken Minderheitsregierung vor, die allerdings zunehmend von den rechtsextremen Schwedendemokraten unter Druck gesetzt wird. Noch schwieriger ist bekanntlich die Lage des französischen Präsidenten François Hollande: Er musste zuletzt mit ansehen, wie 6,8 Millionen seiner Landsleute für den rechtspopulistischen Front National votierten.

"Ende des sozialdemokratischen Zeitalters"

Die bittere Wahrheit ist: Nach dem Euro- und Flüchtlingskrisenjahr 2015 verfügen europäische Mitte-links-Parteien derzeit lediglich in Italien, Tschechien und in der Slowakei über ein Regierungsmandat, das durch öffentliche Zustimmungswerte gestützt wird. Die Popularität in der Heimat jedoch müssen diese Regierungsparteien durch heftige europäische Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik teuer bezahlen.

Über den Bedeutungsverlust der gemäßigten Linken ist reichlich diskutiert worden. Analysen, Befunde und immer wieder auch verfrühte Abgesänge füllen ganze Bücherschränke – angefangen bei Ralf Dahrendorf und dem postulierten "Ende des sozialdemokratischen Zeitalters". Klar ist dabei aber auch, dass die Ursachen für den derzeitigen Bedeutungsverlust der europäischen linken Mitte vielseitiger sind, als es der eindeutige Trend suggeriert – und dass diese Entwicklung nicht ewig anhalten muss.