In der südafghanischen Provinz Helmand gibt es nach Angaben des Gouverneurs heftige Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und den radikalislamischen Taliban. Die Aufständischen hätten das Gebäude des Bezirksgouverneurs und das Polizei-Hauptquartier in der Stadt Sangin eingekreist, sagte Mirsa Chan Rahimi der Nachrichtenagentur Reuters. Die Situation drohe außer Kontrolle zu geraten. Die Zentralregierung versprach die rasche Entsendung von Verstärkung in den Bezirk Sangin, der seit Tagen umkämpft ist.

Rahimis Stellvertreter Mohammed Jan Rasuljar hatte bereits am Wochenende gewarnt, die Taliban stünden kurz davor, die Kontrolle in seiner Region zu übernehmen. In den vergangenen sechs Monaten haben die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Aufständischen in Helmand deutlich zugenommen. Die Region ist ein wichtiges Anbaugebiet von Opium und die Taliban genießen in großen Teilen Rückhalt dort.

In den vergangenen zwei Tagen seien 90 Soldaten bei Kämpfen mit der islamistischen Rebellenbewegung getötet worden, schrieb Rasuljar auf Facebook. Der Vizegouverneur forderte sofortige Verstärkung aus der Hauptstadt Kabul. Ihm sei es nicht gelungen, den Präsidenten Aschraf Ghani über andere Kanäle zu erreichen. Er warf ihm vor, die bedrohliche Lage in Helmand herunterzuspielen.

Nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul sind bei einem Selbstmordattentat nach Nato-Angaben sechs Soldaten der Militärallianz getötet worden. Der Anschlag der Taliban habe sich in der Nähe des Luftwaffenstützpunktes Bagram ereignet, sagte ein Nato-Sprecher. Bei den getöteten Soldaten handelt es sich um sechs Amerikaner. Zwei weiteres US-Soldaten und ein afghanischer Soldat wurden verletzt. Zuvor hatte der Gouverneur der Provinz Parwan die Zahl der Todesopfer mit drei angegeben, mehrere weitere ausländische und afghanische Sicherheitskräfte seien verletzt worden.

In Kabul gingen einige Stunden später drei Geschosse nieder, mitten in einer Gegend mit vielen Regierungseinrichtungen und diplomatischen Vertretungen. Das teilte die Polizei mit. Eine Rakete sei unweit der US-Botschaft eingeschlagen. Angaben zu Opfern oder Urhebern der Angriffe lagen zunächst nicht vor.

Ende September hatten die Islamisten vorübergehend die nördliche Provinzhauptstadt Kundus unter ihre Kontrolle gebracht, waren dann aber von Regierungstruppen vertrieben worden. Sollte Helmand in die Hände der Taliban fallen, wäre das ein Rückschlag für die Regierung, die vorgibt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte auch nach Abzug der internationalen Kampftruppen die Aufständischen unter Kontrolle halten können.

Die US-Armee entsandte in den vergangenen Wochen Spezialkräfte nach Helmand, um die afghanische Armee zu unterstützen. Ursprünglich sollten sich die internationalen Truppen im Laufe des kommenden Jahres ganz aus Afghanistan zurückziehen. Wegen der verschlechterten Sicherheitslage beschloss die Nato aber kürzlich, 2016 in praktisch unveränderter Stärke von etwa 12.000 Soldaten in Afghanistan zu bleiben.

Die Bundeswehr wird ihren Einsatz mit verstärkter Truppenzahl fortsetzen. Der Bundestag hatte für die Erhöhung der Obergrenze von 850 auf 980 Soldaten gestimmt.